Berlin geht auf SendungSpätestens mit dem Umzug der Bundesregierung will Berlin wieder Medienhauptstadt werden. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien sollen dabei der Schlüssel zum Erfolg sein.VON REINHART BÜNGER, ERNESTINE VON DER OSTEN-SACKEN UND KURT SAGATZMedienunternehmer müssen gute Nerven haben. Allemal, wenn sie sich in Berlin ansiedeln. Denn die Hauptstadt ist noch nicht, sie wird erst noch. Zwar verdienen Medienmacher ihr Geld ohnehin in rhythmischen Zyklen. Doch wo, bitte sehr, ist der beste Platz am künftig wichtigsten deutschen Kommunikationsstandort? Für Hörfunk- und Fernsehstationen ist die Antwort klar: Hauptstadtsender müssen möglichst in Regierungsnähe sein - natürlich nur im übertragen(d)en Sinn. Also Berlin-Mitte. Mit dem Sony-Gebäude am Potsdamer Platz entsteht bis zur Jahrtausendwende die Kommunikationszentrale Berlins, die neben Studios und einem Entertainment-Center auch die Deutsche Mediathek beheimaten wird, ein Museum für die Rundfunkprogrammgeschichte der Bundesrepublik. In der Taubenstraße hat der Nachrichtensender n-tv sein Domizil gefunden, Regionalsender pulsTV sendet vom Alexanderplatz. Das ZDF zieht es in den "Zollernhof", Unter den Linden. Und die ARD baut am Reichstagufer ihr Hauptstadtstudio im Herzen des neuen Regierungsviertels. Ausgestattet mit den neuesten digitalen Techniken werden dort ab dem 22. Mai 1999, am Tag vor der Wahl des Bundespräsidenten und im Jahr des Regierungsumzugs, 160 Mitarbeiter für 51 Hörfunkprogramme, das Erste Deutsche Fernsehen, für acht Dritte Fernsehprogramme, für 3sat und Arte aus der Bundeshauptstadt berichten. Derzeit produzieren hier sieben Fernsehveranstalter ihr Fernsehprogramm. |
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STANDORTMASSNAHME Der Ausbau der Medienwirtschaft ist Ziel des Berliner Senats. |
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| Mit mehr als zwanzig Radiosendern ist Berlin bereits heute die Hörfunkhauptstadt der Bundesrepublik. Und sonst? Der Ausbau der Medienwirtschaft ist politisch gewollt. Die Branche genießt zusammen mit Informations- und Kommunikationstechniken Priorität und gehört neben Verkehr, Biotechnologie und Umwelt zu den Kernfeldern der hiesigen Wirtschaftspolitik. Der Medienstandort Berlin setzt dabei auf die digitale Zukunft des Informationszeitalters und überläßt die Filmproduktion dem benachbarten Bundesland Brandenburg. Zwei gewichtige Standortvorteile will Berlin dabei in die Waagschale werfen: Die Stadt wird Sitz der Bundesregierung, und sie ist mit 1,2 Millionen Kabelanschlüssen für die Erprobung neuer Kommunikationsformen prädestiniert wie kein zweiter Standort in Europa. Zumal in der Stadt mit 2,1 Millionen Teilnehmern das modernste deutsche Telekommunikationsnetz auf digitaler Basis ausgelegt ist.
Berlin, heute noch keine Pressestadt wie Hamburg, gewinnt zunehmend auch als Testmarkt für die Printmedien an Bedeutung. Zeitungs- und Zeitschriften-"Dummies" werden hier gerne erprobt. In Berlin erscheinen zehn Tageszeitungen, vier Sonntagszeitungen, zwei Wochenzeitungen, vier Stadtillustrierte und zwanzig Zeitschriften. Alle großen Verlage sind bereits in der Stadt vertreten, doch die großen überregionalen Tageszeitungen werden weiterhin nicht (mehr) in Berlin gemacht. Die Einweihung der Gebäude des Mosse-Verlags im Januar 1995 war ein Versuch, den in der Weimarer Republik entstandenen Mythos der "Pressemetropole Berlin" wiederzubeleben. Im Mossezentrum, das im alten Berliner Zeitungsviertel um die Kochstraße herum liegt, sind zahlreiche Korrespondentenbüros untergebracht, deren Zahl mit dem Umzug der Bundesregierung sicher noch steigen wird. Logistisch gesehen ist die Hauptstadt zwar ein Zentrum der Medienrechteverwertung (GEMA, Deutsches Rundfunkarchiv); auch wird Berlin sicher ein bedeutendes Dienstleistungszentrum verschiedener Kommunikationsbranchen. Doch ein zentraler Medienstandort läßt sich an der Spree nicht erkennen, allenfalls flußaufwärts. Im Südosten Berlins, im 465 Hektar großen Wissenschaftspark Adlershof, entsteht derzeit mit der Media City eine Medienfabrik, in der sich neben Studios und Werkstätten für die Produktion von Fernsehfilmen und Shows auch ein "Entwicklungs-, Trainings- und Dienstleistungszentrum für Bildbearbeitung und Animation" ansiedeln soll. Auf dem insgesamt 30 Hektar großen Gelände soll ein Teil einer neuen Stadt für Wissenschaft und Wirtschaft entstehen. Kern des Zentrums sind die ehemaligen Fernsehstudios des Deutschen Fernsehfunks. Berlin- Adlershof liegt nicht nur nah an landschaftlich reizvollen Erholungsgebieten wie Treptower Park und Müggelsee. Sowohl der Flughafen Schönefeld als auch die Mitte Berlins sind nur je 15 Minuten entfernt. In dieser "Media City Adlershof" hat Wolfgang Schultes derzeit alle Hände voll zu tun. Der Diplom-Geograph, Stadtentwickler und Regionalplaner ist Standortmanager auf dem ehemaligen DDR-Fernsehgelände, das zwischen Abbruch und Neuaufbau viel von seiner Wendezeit-Tristesse abgeschüttelt hat. Das unternehmerische Spektrum ist breit gefächert. Es umfaßt mobile Übertragungstechnik ebenso wie Studiotechnik, analoge und EDV-gestützte graphische Dienstleistung, Videobearbeitung und Tonsynchronisation sowie Veranstaltungsmanagement. |
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| HOFFNUNGSTRÄGER DER BERLINER MEDIENPOLITIK Erklärte Heimat der Berliner Medienzukunft: Das Gelände des ehemaligen DDR-Fernsehens in Berlin-Adlershof. Der Neubau des Digital Media Center muß sich dem denkmalgeschützten "Ehrlich-Ensemble" anpassen. |
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| Die Ziele für Adlershof sind hoch gegriffen: "Wir profilieren das Studiozentrum als den Ort in Deutschland, wo zuschauerbeteiligte Sendungen gemacht werden", so Schultes. Da dann täglich Hunderte von Zuschauern durch die diversen Produktionen geschleust werden müssen, sollen bessere Aufenthaltsbereiche geschaffen werden: Auf dem Gelände sollen ein neues Empfangsgebäude und ein Hotel gebaut werden.
"Medienbetriebe verwenden ihr Kapital selten für Immobilien; sie investieren lieber in die Technik", sagt der 53jährige Schultes. Daher sei eine ganz eigene Privatisierungsstrategie für den Standort entwickelt worden, der Mietpreise für den Quadratmeter von acht bis 18 Mark plus Betriebskosten bietet und erschlossene Grundstücke für 350 bis 850 Mark pro Quadratmeter. Das Ziel des Zwischeninvestors definiert Schultes so: "Die Mieter formieren sich zu einer Betriebsholding und sind damit ein gemeinsamer wirtschaftlicher Partner für den Grundbesitzer." Weitere Vorteile: Die Mieter könnten nicht nur steuerrechtlich einheitlich auftreten, sondern auch gemeinsam Fördermittel beantragen. Dieses strapaziöse Verfahren empfänden Verwaltungsbeamte häufig als ungewöhnlich. Doch es trage zum Gelingen der Revitalisierung Adlershofs bei: Über 100 Unternehmen sind hier wieder ansässig. Hindernisse liegen aus Schultes Sicht in der politischen Zielsetzung, die Media City zum Zentrum für digitale Medien auszubauen: "Beim digitalen Medienzentrum müssen wir in eine Projektentwicklungsphase eintreten, vor allem um uns gegenüber anderen Projekten - zum Beispiel dem High-Tech-Zentrum Babelsberg - besser abzugrenzen." Die Produktionsfirmen, die in Adlershof Fernsehsendungen erstellen, sind allein nicht potent genug, um das geplante Digitalzentrum in die wirtschaftliche Gewinnzone zu bringen. Eine gute Auslastung wird allein der großen Halle prophezeit, die im Zuge der Rekonstruktion des denkmalgeschützten Ehrlich-Ensembles entstehen wird. Ursprünglich geplant wurde das "Digital Media Center" als Zentrum für Bildbearbeitung und Animation. Doch Computeranimateure betrachten Unterhaltungsmedien nur als ein Trainingsfeld, analysiert Schultes: "Die Anwendungen muß man in großen Industriebereichen suchen, wo Geld verdient wird." Er denkt dabei an Firmen, die Produktpräsentationen, Werbe- und Industriefilme realisieren lassen. Gerade für das "Digital Media Center" müssen in diesem Bereich Nutzer noch geworben werden. Die Berliner Medienwirtschaft konkurriert nicht nur mit anderen westdeutschen und internationalen Regionen; vor der eigenen Haustür wird ebenfalls mit Hochdruck daran gearbeitet, diesen zukunftsträchtigen Markt in Arbeitsplätze umzumünzen. 8000 Quadratmeter wird das High-Tech-Center Babelsberg messen, rund 100 Millionen Mark - überwiegend vom Land Brandenburg finanziert - werden als Kosten veranschlagt. Auch das High-Tech-Center Babelsberg wird Dienstleistungen für Film- und Fernsehproduktionen anbieten, die sich jedoch thematisch von Adlershof unterscheiden sollen: Hier soll ein experimentelles Produktionszentrum für Kameraleute und Filmarchitekten entstehen. Zudem zielt Babelsberg auf publikumsorientierte Anwendungen von Laser Disc und CD-Interaktiv sowie auf interaktive HD-Kinos. |
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EINGEKEILT Im Wettbewerb der Standorte muß sich Berlin gegen Hamburg und Nordrhein-Westfalen durchsetzen. Erste Erfolge sind zu verzeichnen: Sat.1 zog von der Alster an die Spree. Ob die "Akquise" im großen Maßstab gelingt, bezweifelt allerdings sogar der Berliner Senatssprecher. |
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| Steht Adlershof in Konkurrenz zu Babelsberg? Durch eine Kooperationsvereinbarung sollen Reibungsflächen abgebaut, Produktionskapazitäten gleichmäßig ausgelastet werden. Die Produktionsbedingungen seien an beiden Standorten vergleichbar, sagt Schultes. Er gibt gerne zu, daß die Studiobetriebstechnik der Potsdamer "vielleicht etwas kompletter und moderner" sei. Die Vorteile von Babelsberg aber lägen eindeutig nicht in dessen Funktionsfähigkeit als Film- und TV-Produktionsstandort, sondern im Imagebereich: "Projekt Babelsberg - da wird Hollywood signalisiert. Babelsberg, das heißt Marlene Dietrich. Bei Adlershof denkt man an Karl-Eduard von Schnitzler. Ungerecht: In Babelsberg spricht keiner von den Nazis."
Stolz präsentierte der Chef der Babelsberger Studiotour zum Saisonbeginn am 1. März dieses Jahres sein neues Highlight: den Nachbau eines russischen Atom-U-Bootes. Der weitere Ausbau der Studiotour ist schon in Planung. Im nächsten Jahr soll die Fläche auf 70 000 Quadratmeter verdoppelt werden und eine Western-Eisenbahn im künstlichen Canyon, eine neue Stunt-Actionshow sowie den Nachbau der Zukunftswelt von "Metropolis" beherbergen. Kein Zweifel: Die Studiotour bedeutet für den Standort Babelsberg einen weiteren Imagegewinn, der auf das Produktionsgeschehen zurückzuwirken scheint. Mit drei neuen Film- und Fernsehproduktionen zusätzlich zu den bereits laufenden Projekten zeichnet sich bei der Studio Babelsberg GmbH bis Juli eine gute Auftragslage ab. Nach Angaben von Studio-Sprecher Jürgen Schepers liegt die Auslastung vor allem der Ateliers, der Ausstattungsabteilung und der sogenannten Postproduction wie Schnitt und Synchronisation bei annähernd 80 Prozent. Dreißig Autominuten vom Berliner Bahnhof Zoo entfernt haben sich in Babelsberg mittlerweile über 80 große und kleine Unternehmen angesiedelt. Damit beheimatet die Medienstadt längst mehr als nur die Ufa Film- und Fernsehproduktion (Bertelsmann-Gruppe), die ihre Berliner Niederlassungen hier zusammenfaßt. Das Fernsehzentrum des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) gehört dazu, das High-Tech-Center sowie die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf. In der Medienstadt wird auch das digitale Programmzentrum der ARD, das sogenannte Play-Out-Center, angesiedelt. Das ZDF hat bereits ein Landesstudio auf dem alten Defa-Gelände. Imaginationen, Visionen - die deutsche Hauptstadt tut sich derzeit noch schwer, die gewisse Leichtigkeit zu verbreiten, die Medienschaffende anzieht und gute Produktionen auszeichnet. Würde Berlin zumindest mehr internationales Flair ausstrahlen, fiele wohl auch die Entscheidung, den Sitz der Deutschen Welle ganz nach Berlin zu verlegen, leichter. Doch zunächst wird der Auslandssender der Bundesrepublik weiter auf zwei Standorte verteilt bleiben: Verwaltung und Hörfunk der Deutschen Welle werden wohl von Köln in den Bonner Schürmannbau ziehen, obwohl die Fernsehabteilung bereits in der Weddinger Voltastraße ansässig ist. Ausreichend Raum wäre jedoch auch an diesem Medienstandort in der Hauptstadt vorhanden, wie ein Gutachten des Bundesbauministerium eben erst ergeben hat. Ungenutzter Büroraum steht in Berlin ohnehin ausreichend zur Verfügung. Die Hauptstadt ist sowohl mit TV- als auch Hörfunkstudios reich gesegnet; überdies gehen mehr und mehr Produktionsfirmen aus Kostengründen dazu über, (Wohn-)Objekte für Produktionen vorübergehend anzumieten. Raum ist schließlich auf dem kleinsten Gelände, wie das jüngste Bauvorhaben des Senders Freies Berlin (SFB) zeigt, der soeben die aufwendige Asbestsanierung seines Fernsehzentrums abgeschlossen hat und in Funkturmnähe neue Verwaltungsgebäude errichten läßt. "Eines muß man aber ehrlicherweise sagen", gibt Michael-Andreas Butz (CDU), Sprecher und Medienbeauftragter des Berliner Senates, zu: "Der private Fernsehmarkt ist ausgeschöpft, neue Standortentscheidungen stehen derzeit nicht an. RTL ist in Köln, Sat.1 in Berlin, Pro 7 und Kabel 1 sind in München." Doch wer sagt eigentlich, daß es einen öffentlich-rechtlichen Informationssender wie Phoenix nicht auch einmal nach Berlin ziehen könnte? |
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