Pariser Platz: Die Satzung und ihre Umsetzung

Wer an Berlins berühmtestem Platz baut, kann der Geschichte nicht ausweichen. Traditionalistische Architektur oder zeitgemäße Neuschöpfung - das war über Jahre die Frage. Jetzt sind die ersten Neubauten fertig: wahre Palais, doch meist ein wenig kühl.

VON RAINER HAUBRICH

Die Zuhörer staunten nicht schlecht. Während des Architektentages 1997 saßen in Berlin die unterschiedlichsten Baumeister auf dem Podium - vom Traditionalisten Rüdiger Patzschke bis zu den Avantgardisten Wiel Arets und Adolf Krischanitz. Der Moderator suchte eine kontroverse Debatte über die Gestaltungsregeln am Pariser Platz zu entfachen, stieß aber statt dessen auf breite Übereinstimmung: Natürlich bedürfe es an dieser Stelle der Vorgaben, ja, die Regeln seien im Prinzip schon richtig. Von Kontroverse keine Spur.

Der Pariser Platz

Vergessen schienen die harschen Auseinandersetzungen, die lange in der Zunft und im Feuilleton geführt worden waren. Sie kreisten um die Frage, wie man am Ende dieses Jahrhunderts einen gelungenen Stadtplatz schaffen könne und welche Architektur am Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins, angemessen sei. Dabei war ursprünglich nicht einmal klar, ob die Platzform überhaupt wiederhergestellt werden solle. Viele hatten sich an das freistehende Brandenburger Tor als Denkmal gewöhnt. In der berühmten Ideenkonkurrenz "Berlin morgen", ausgelobt vom Deutschen Architektur-Museum in Frankfurt am Main, hatten nur wenig Teilnehmer den Platz eingefaßt. Der amerikanische Architekt Robert Venturi schlug gar eine riesige Treppe vor, die das freistehende Tor in ost-westlicher Richtung überqueren sollte. Auch die Freunde der freien Fahrt konnten es sich unmöglich vorstellen, nicht am Tor vorbei in die Linden hineinfahren zu dürfen.

Doch die Bilder vom historischen Pariser Platz waren stärker. Bald stand fest, daß rund um den Platz die Bebauung, zumindest in den Baumassen, wiedererstehen sollte. Für eine Rekonstruktion der Vorkriegsfassaden allerdings gab es keine politische Mehrheit. Im Interesse der Bauherren wäre sie ohnehin nicht gewesen. Denn bei den heutigen, niedrigeren Raumhöhen läßt sich mindestens ein Geschoß mehr hinter den neuen Fassaden unterbringen, ohne die alte Traufhöhe zu verändern.

Doch auch die Befürworter einer avantgardistischen Architektur hatten es schwer an diesem Platz, dem durch seine wechselhafte Geschichte und die Lage am Ende des Boulevards Unter den Linden eine überragende Bedeutung für die Stadt zukommt. Zu bewundern bleibt der Optimismus, mit dem die Avantgardisten glaubten, dieser Bedeutung mit einer neuen, experimentellen Bebauung gerecht werden zu können. Gibt es doch aus der Nachkriegszeit nicht eine Platzschöpfung, die mit den historischen Orten konkurrieren könnte. Die Berliner Versuche machen da keine Ausnahme.

So beschloß das Berliner Abgeordnetenhaus 1995 einen Bebauungsplan mit einem Katalog von Gestaltungsregeln, der gewährleisten sollte, daß die Neubauten am Pariser Platz zu einem Ensemble zusammenwachsen würden. Das war damals ein Novum in Berlin. Die neuen Gebäude sollten den Palais-Charakter ihrer Vorgänger wiederaufnehmen, verlangten die Politiker. Stilmittel: die horizontale Einteilung der Fassaden in Sockelzone, Hauptgeschosse und Attika und die Betonung der Mittelachse. Offene Flächen durften nicht mehr als die Hälfte der Fassade ausmachen, als Material war Stein oder Putz in hellen Tönen gefordert.

Inzwischen hatte das Gartendenkmalamt mit der Rekonstruktion der Rabatten und Springbrunnen auf dem Platz begonnen; auch die Steinornamente auf den Bürgersteigen stellte es wieder her. Interessanterweise wurde in diesem Falle gar nicht darüber gestritten, ob nicht eine zeitgenössische Gestaltung des Platzes angemessener gewesen wäre.

Mittlerweile ist der Blick der Beobachter geschärft für die Nuancen, die sich innerhalb der Regeln entfalten können. Wie sieht der Stein aus, wie ist er verarbeitet? Wie sind die Fensteröffnungen proportioniert, welche Fensterrahmen wurden gewählt? Ist die Fassade plastisch gegliedert oder flächig? Wie steht sie auf dem Boden?

GELIEBT, GELOBT, GESCHOLTEN
Von Kritikern verrissen, trifft aber den Geschmack der Öffentlichkeit: das Hotel Adlon.

Zehn Architekten gaben ihre individuelle Antwort, indem sie je einen Abschnitt der Platzwand repräsentativ gestalteten, ihn belebten und ihm ein "Gesicht" verliehen. Die meisten unter ihnen waren überzeugt, daß dies auch mit zeitgenössischen Mitteln gelingen müsse - ohne auf das klassizistische Vokabular zurückzugreifen, auf die feine Profilierung durch Gesimse, Lisenen und Stuck.

Die Bauherren des Hotels Adlon waren da anderer Ansicht. Sie entschieden sich für einen traditionellen Entwurf der Architekten Patzschke, Klotz und Partner. Diese verstehen das Hotel nicht als Kopie, sondern als neuen Entwurf mit historischem Vokabular. Lange wurde es innerhalb der Zunft nicht ernstgenommen. Doch als sich dieser erste Neubau am Pariser Platz der Vollendung näherte, mußten auch Kritiker die fast selbstverständliche Präsenz anerkennen, mit der er die Ecke des Platzes besetzt. Das Hotel Adlon ist heute einer der populärsten Neubauten der deutschen Hauptstadt.

Als zweiter Bau wurde das Haus Liebermann von Josef Paul Kleihues fertig. Die Genesis der beiden Torhäuser Sommer und Liebermann hat alle Chancen, in die Berliner Baugeschichte einzugehen. In einem langen Entwurfsprozeß hat sich der einflußreiche Architekt des neuen Berlin von zwei nüchternen, rationalistischen Kuben ohne Mittelachse bis zu den sehr viel differenzierteren jetzigen Palais herangearbeitet. Obwohl die beiden Bauwerke in der Öffentlichkeit auf Zustimmung stoßen, ist Kleihues selbst nicht mehr so recht glücklich: Er habe dem "Druck von allen Seiten" wohl zu sehr nachgegeben und "zu historisch" gebaut.

Auch die Hamburger Architekten von Gerkan, Marg und Partner haben sich bei der Dresdner Bank darum bemüht, trotz einer modernen Fassadensprache mit Details zu arbeiten, die an frühere Baustile denken lassen: Die geschwungenen Seitenwände des Eingangsportals, die horizontalen Kupferbänder und die Lampen rufen Assoziationen an das Art Déco hervor. Mit den äußerst gelungenen faltbaren Fensterläden aus dunklem Holz erweckt die Bank fast einen mediterranen Eindruck.

Das Palais von Bernhard Winking steht eigentlich an der Ebertstraße, schaut aber mit seinem Turmaufbau zum Pariser Platz hinüber und zwängt sich mit einer schmalen Fassade zwischen Haus Liebermann und Dresdner Bank. Diese Fassade ist kaum plastisch gestaltet. Besucher werden den Bau über ein Atrium im Inneren durchqueren können. Der Gebäudesockel öffnet sich zum Platz mit einer Art Säulenreihe, die funktional wie optisch gelungen ist.

Die anderen Projekte sind bisher nur anhand von Computer-Simulationen oder Modellen zu beurteilen. Diese sagen zwar einiges aus, bei weitem aber nicht alles. In der Friedrichstadt zeigte sich bereits, wie stark die Wirkung der fertigen Gebäude von den vorher veröffentlichten Projekt-Zeichnungen abweichen kann. Was auf postkartengroßen Bildern noch leidlich belebt und kleinteilig gegliedert aussieht, wirkt in Originalgröße oft erstaunlich leblos und plump. Beim Hotel Adlon war es eher umgekehrt: Der fertige Bau wirkt ruhiger und nüchterner als die süßliche Zeichnung, die lange vor Baubeginn in Umlauf war.

Derartige Modellentwürfe liegen etwa für die zwei Neubauten vor, die auf der anderen Seite der Linden das Pendant zum Hotel Adlon bilden werden. Das Gebäude von Hans Kollhoff an der Ecke Wilhelmstraße steht in der Tradition der Geschäftshäuser Unter den Linden. Mit dem Walmdach über dem zurückgesetzten Staffelgeschoß, der vertikalen Gliederung und dem grauen Stein erinnert es an das 1911 errichtete Geschäftshaus Zollernhof. Die grün glasierten Dachziegel nehmen die Farbe des chemisch behandelten grünlichen Kupferdaches des Adlon auf. Insgesamt wirkt das Haus nuancierter als Kollhoffs vergleichbarer Neubau in der Friedrichstraße.

AUS DEM RAHMEN
... fällt Behnischs Akademie der Künste - sein bisher letztes Modell.
Dagegen beharren Ortner & Ortner mit dem rötlichen Eckhaus am Pariser Platz auf einem zeitgenössischen Ausdruck. Sie verlängern das Dachmotiv von Kollhoff, ergänzen es aber um recht groß geratene Gauben. Die mittleren Geschosse mit ihrem Wechsel offener und geschlossener Flächen wirken befremdlich - wie das ganze Haus mit seiner schematischen Baukasten-Ästhetik.

Die angrenzende französische Botschaft von Christian de Portzamparc läßt sich am schwierigsten einordnen - so eigenwillig ist der Entwurf des Pariser Architekten. Doch von allen Teilnehmern am Wettbewerb kam Portzamparc der Wirkung des niedrigeren Vorgängerbaus am nächsten. Das erreicht er durch eine optische Täuschung. Über einem verschlossenen Sockel faßt er das erste und zweite Geschoß mit hohen Fenstertüren zusammen. Das dritte Geschoß wird hinter einem schmalen Fensterband verborgen. Auffallend ist der schräge Anschnitt der Fensteröffnungen, der den Blick auf das Tor erleichtern soll, ebenso wie das "Knick"-Motiv, das zwei Öffnungen nach rechts erweitert. Das Portal steht schmucklos da - mit Stützen wie Orgelpfeifen.

Die amerikanische Botschaft dürfte in ihrer historisierenden Haltung dem Hotel Adlon am nächsten kommen. In den USA gibt es seit Jahrzehnten eine starke klassizistische Bautradition. In diese Tradition gehört auch der Entwurf der Architekten Moore Ruble Yudell. Der Altmeister der Postmoderne, Charles Moore, der in Berlin durch seine Wohnbebauung am Tegeler Hafen bekannt wurde, starb vor vier Jahren und hat am Entwurf nicht mehr mitgewirkt. Wie der späte Moore sind auch seine Büro-Partner klassizistischer geworden. Die US-Botschaft wirkt repräsentativ, aber heiter. Die Kalksteinfassaden sind durch horizontale Bänder und Gesimse angenehm gegliedert und werden durch Pergolen oder Arkaden aufgelockert. Spektakulär ist das Penthouse mit Dachgarten. Von hier aus wird der Botschafter einen grandiosen Blick auf Tiergarten und Spreebogen haben. An der Fassade zum Pariser Platz bleibt in der Mitte ein Spalt offen, damit die Sonne auf die im Hof gehißte "Stars and Stripes"-Flagge fallen kann.

Wie Moore Ruble Yudell kommt auch Frank Gehry aus Kalifornien. Daß Planer, die ihren Arbeitsplatz an der sonnigen Westküste haben, sich nicht zwingend derselben Architektursprache bedienen, beweist sein Entwurf für die DG-Bank. Dieser überrascht durch die fast völlige Abwesenheit von Gestaltung. Gehry ist bekannt für seine unregelmäßig gekurvten Gebäudehäufungen, aus denen Fensterkästen herauslugen. Bei der DG-Bank konnte er diese Formensprache nur in Ansätzen verfolgen - und zwar lediglich im Innern und an der rückwärtigen Front zur Behrenstraße hin. Wo ihm - wie bei der Fassade am Pariser Platz - dieser Effekt verwehrt wird, fällt ihm nichts ein.

Acht wuchtige Pfeiler reichen ohne Ansatz vom Boden bis zum Attikageschoß, schmale horizontale Bänder ergänzen sie zu einem rigiden Raster, in das die tiefliegenden Glasscheiben eingelassen sind. Im Erdgeschoß hat er zwei, im dritten Obergeschoß alle Scheiben schräggestellt - wie auf der Kommandobrücke eines Containerschiffes. Die Platzwand wirkt wie eine lustlose Persiflage der Gestaltungsregeln, und man ertappt sich bei dem Gedanken, daß hier besser gar nicht bauen sollte, wer mit den Vorgaben nichts anfangen kann. Immerhin hat Gehry für seine Bauherren das Optimum aus dem schmalen Grundstück herausgeholt. Durch vier Untergeschosse um ein Atrium herum und die aufgestapelten Wohnungen nach Süden bringt es die Bank sogar auf mehr Nutzfläche als die ausgedehnte US-Botschaft nebenan.

IN DER TRADITION
... der Geschäftshäuser Unter den Linden steht Hans Kollhoffs Eckgebäude.
MIT RIESIGEN GAUBEN
... versehen Ortner & Ortner ihren Bau, der direkt an Kollhoffs Gebäude anschließt.
Das größte Fragezeichen bleibt bei der Akademie der Künste. Kein Gebäude am Platz wurde so leidenschaftlich diskutiert und mit moralischer Bedeutung aufgeladen. Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann hatte die gläsern-dekonstruktivistische Fassade des Architekten Günter Behnisch bis zuletzt zu verhindern versucht - der Bebauungsplan mit den Gestaltungsregeln sei nun einmal wie ein Gesetz: "Man kann ja auch kein Tempolimit machen, aber dann sagen: Behnisch darf schneller fahren."

Der neue Bausenator Jürgen Klemann (CDU) hatte sein Amt vor anderthalb Jahren mit Breitseiten auf Hans Stimmann und dessen "gesichts- und geschichtslose" Neubauten angetreten. Nunmehr solle in der Innenstadt mehr Wert auf ein historisches Vokabular gelegt werden. Damit schien der Behnisch-Entwurf endgültig hinfällig. Letzter Stand ist jedoch: Behnisch soll die Fassade nochmals überarbeiten - erst dann wird Klemann entscheiden. Es wäre ein Treppenwitz, wenn nach den vollmundigen Ankündigungen ausgerechnet der konservative Bausenator eine Akademie-Fassade genehmigen würde, deren Architektur mit dem angestrebten Charakter des Platzes gar nichts zu tun haben will. Oder doch? Schließlich ist Behnischs Haltung, die künstlerische Freiheit dürfe nicht eingeengt werden, nicht ohne Heuchelei. Denn seine Architektur der Abweichung kommt erst dadurch richtig zur Geltung, daß sich alle anderen am Platze an die Regeln halten.

Läßt man den zukünftigen Pariser Platz vor dem inneren Auge erstehen und vergleicht ihn mit dem Zustand vor dem Krieg, fällt der Verlust an architektonischer Verfeinerung auf, der Mangel an nuancierten Profilierungen und Details, die die meisten heutigen Architekten nicht mehr entwerfen wollen oder können. Die Bauweise der vorgeblendeten, aufgehängten Steinplatten erreicht selten die geschlossene Wirkung aufgemauerter oder verputzter Fassaden. Die alten Palais lebten zudem vom Wechsel aus rechteckigen Fensteröffnungen und Rundbögen. Doch in der Frühzeit der Moderne, als Baumeister sich anschickten, endgültig das Band zur klassischen Bautradition zu kappen, mußte der Rundbogen dem rechten Winkel weichen. Daß Faschisten und Stalinisten ihn später wieder bauen ließen, trug erst recht dazu bei, daß ihn bis heute kein Architekt, der etwas auf sich hält, im Repertoire hat. Der Rundbogen sei konstruktiv bedingt gewesen und daher nicht mehr nötig, also auch nicht mehr "ehrlich", so die Lehre. Tatsächlich scheuen die Gestalter vor allem seine als sentimental empfundene Wirkung. Allein das Hotel Adlon zeigt im Sockel Bögen.

So wird manchen Flaneur, wenn er zu Beginn des nächsten Jahrhunderts den Platz betritt, trotz der kraftvollen Feierlichkeit des Brandenburger Tores ein kühler Hauch von Moderne anwehen. Und der eine oder andere wird angesichts der vergröberten Neuschöpfungen wohl der untergegangenen Baukunst nachtrauern. Die Architekten aber werden, wie einst Bertolt Brecht, dem Publikum zurufen: "Glotzt nicht so romantisch!"

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