Im Reich der FreiheitWo früher Fabrikarbeiter schufteten, herrscht heute großzügiger Individualismus: Das Loft ist der perfekte Ausdruck postindustrieller Wohnkultur.VON NICOLAUS SOMBARTSKYLINE XVI 4/98 In der Geschichte der Wohnstätten unseres Kulturkreises ist das Loft ein absolutes Novum. An den Bedingungen seiner Entstehung kann man den Übergang von der bürgerlichen Industriegesellschaft in die postindustrielle Gesellschaft ablesen. Sie ist geprägt von Freizeit, Konsum und Kommunikation. Man stelle sich vor: Aus verlassenen Fabriketagen - industriellen Produktionsstätten, in denen Hunderte von Arbeitern zusammengepfercht in Tag- und Nachtschichten unter oft menschenunwürdigen Bedingungen ihre Arbeit verrichten mußten - sind die futuristischen Großraumwohnungen einer neuen Elite geworden. |
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LEBENSRAUM ALS SPIELWIESE Im Loft ist Platz für vieles - im Zweifelsfall sogar für verschiedene Lebensentwürfe. |
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| Zunächst ging es vielleicht nur um die praktische Lösung eines ökonomischen Problems: in einer übervölkerten Metropole große Wohnflächen zu niedrigen Quadratmeterpreisen zu finden. Sehr schnell zeigte sich aber, daß sich hier eine unerwartete Möglichkeit bot, ein durchaus elementares Luxusbedürfnis zu befriedigen, den Wunsch nämlich, in Räumen von großzügigen Proportionen zu leben. Sich diesen Wunsch zu erfüllen, war immer ein Privileg der Oberschicht und somit ein Statussymbol des gesellschaftlichen Erfolges. In einer Zeit sozialer Mobilität wurde das Loft zu einem Ort, in dem nicht nur ein neues Raumgefühl, ein neuer Lebensstil, eine neue Ästhetik ihren adäquaten Ausdruck fand - sondern auch eine neue Exklusivität. Städtebaulich haben wir es mit einem Sonderfall der Rehabilitierung historischer Bausubstanz zu tun. Nach den Vorstellungen der Charta von Athen waren die alten Hallen, in denen "Lofts" eingerichtet wurden, längst zum Abriß verurteilt. Man entdeckte ihre verborgenen Qualitäten ungefähr gleichzeitig wie die der verkommenen Stadtpalais des Marais. Downtown New York wurde zu einem denkmalschutzreifen historischen Stadtteil. Es erforderte allerdings mehr Phantasie, sich in einer alten Fabrik einzurichten, als in einem alten Schloß - wenn auch das Vergnügen an hohen Fenstern und alten Marmorkaminen ganz ähnlichen Motiven entsprungen sein mag, wie der Spaß an gußeisernen Stützpfeilern und freiliegenden Wasserrohren. So waren es die Künstler, die hier als erste eine Chance zur Befriedigung ihrer megalomanen Raumansprüche sahen. Auf eine gewisse Weise gehört das Loft in die Tradition des Künstlerateliers der bürgerlichen Ära. In seinen Proportionen konkurrierte es mit der Beletage - selbst dann, wenn es nur ein Dachboden war. Zum "Ateliercharakter" gehört auch die souveräne Aufhebung der räumlichen Ausgrenzung verschiedener funktionaler Lebensbereiche wie Schlafen, Arbeiten, Körperhygiene und Kochen. Genau das war sonderbarerweise eine Lieblingsidee der modernen Architekten, die Luxusbungalows für Millionäre bauen. Manche von ihnen waren selber Millionäre. Zum Beispiel Philipp Johnson, dessen Glashaus als multifunktionaler Großraum die Wohnidee des Lofts vorwegnahm. Innendekoration wird da Landschaftsarchitektur, Environmentgestaltung. Man müßte die Wechselwirkung von Loft und zeitgenössischer Kunst untersuchen, wozu ich auch die populäre, für Hi-Fi produzierte Musik rechnen möchte. Das Loft eignet sich zur Produktion von Großformaten und zur Installation jeder Art von technischen Apparaturen, und sei es nur die Aufstellung perfektionierter Phonosysteme. Irgendwie schlägt der alte Werkstattcharakter stilbildend durch. Im Loft verbindet sich der Raumluxus des Millionärs mit den expansiven Raumphantasien des Künstlers - das heißt jenes kreativen Typs, der das Erscheinungsbild unserer Zeit prägt. Seine Bewohner sollten im Idealfall von beiden etwas haben. Man kann in einem Loft nicht in geordneten Verhältnissen leben - und will es auch nicht. Das Loft ist eine Option für die Erprobung freier, spielerischer Lebensformen; es bedeutet Protest gegen jede Art von Einschränkung, Einengung, Festlegung; es ist ein Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Vielleicht werden später die Kulturhistoriker feststellen, daß das Loft der repräsentativste Ausdruck der urbanen Lebenskultur der postindustriellen Gesellschaft in ihrer ersten Phase war. |
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