Gläserne Kuppel, dunkler Granit

Die neue Hauptstadtarchitektur: so widersprüchlich wie Berlin selbst.

VON RALF SCHLÜTER

SKYLINE XVI 4/98

Wer durch Bonn spaziert, kommt ins Staunen. Das ist bei Hauptstädten eigentlich nichts Besonderes - in Washington, Paris und Moskau gehören beeindruckte Touristen zum Stadtbild.

In Bonn aber hat der offene Mund des Besuchers einen anderen Grund: Er staunt darüber, wie gemütlich es hier ist und wie wenig man davon merkt, daß von diesem Ort aus seit fast fünf Jahrzehnten eine der führenden Industrienationen der Welt regiert wird. Das Kanzleramt könnte man leicht für eine Kurverwaltung oder ein Versicherungsgebäude halten. Der "Lange Eugen" ist auch bei dichtem Nebel kaum mit dem Londoner Big Ben zu verwechseln Und wieviel Größenwahn kann in einer Stadt herrschen, in der eine große Volkspartei ihre Parteizentrale zärtlich "Baracke" nennt?

REICHTAGSKUPPEL
Hier wollte der britische Architekt Sir Norman Foster "aus dem Symbol der Vergangenheit ein Symbol der Zukunft machen".

Daß es sich in Bonn all die Jahre so zivil regierte, war kein Zufall. Politiker und Architekten hatten nach dem Krieg eine Art Anti-Berlin geplant: eine Hauptstadt, die darauf verzichtet, politischen Machtanspruch in monumentale Ungetüme zu gießen. Konrad Adenauer vergab das zwiespältige Kompliment, Bonn sei eine "Stadt ohne Vergangenheit". Er meinte es positiv: Weder preusßisch-wilhelminische noch nationalsozialistische Staatsbauten erschwerten den Neuanfang. Hier, am Ufer des Flusses, konnte die Bundesrepublik bei Null anfangen.

Schon bald hielt die von den Nazis verfolgte Moderne Einzug: Der Bundestag nahm Platz in der ehemaligen Pädagogischen Akademie. Das Gebäude, von Martin Witte im Bauhausstil entworfen, fand auch den Beifall des Meisters Walter Gropius. Damals entstand die Formel Glas gleich Transparenz gleich Demokratie: Dank großer Fenster konnten die Bonner die Parlamentssitzungen beobachten. Die Vorliebe für Glas zieht sich wie ein roter Faden durch die Bonner Jahre: Auch der letzte, 1992 fertiggestellte Bonner Parlamentsbau hat durchsichtige Fassaden. Er stammt von Günter Behnisch, dem oft als repräsentativ für die bescheidene Bundesrepublik gepriesenen Architekten.

Am 20. Juni 1991 beschloß der Bundestag die Rückkehr nach Berlin. Und schon bald war klar, daß eine einfache Weiterführung des Bonner Architekturstils nicht in Frage kam. Das verbot sich schon wegen der Berliner Größenverhältnisse, aber auch, weil der Bund angesichts leerer Kassen auf Gebäude der DDR- und NS-Zeit zurückgreifen mußte. Berlin würde in gewisser Weise ein Anti-Bonn sein - aber wie verhindert man einen Rückfall ins alte, monumentale Berlin? In der Architekturdebatte brachte Heinrich Klotz mit dem Schlagwort "Neuteutonia" die Befürchtungen auf den Begriff.

Heute, knapp acht Jahre nach dem Beschluß, sind die Diskussionen etwas zur Ruhe gekommen. In Kürze zieht die Regierung ein, ein Großteil der Gebäude steht oder ist im Bau. Eine Hauptstadt kann besichtigt werden. Gibt es etwas zu staunen?

Schon jetzt scheint festzustehen, welcher Bau zur Publikumsattraktion werden wird: der alte, neue Reichstag. Das hat wenig mit dem Parlament selbst zu tun - und viel mit der Kuppel, die Sir Norman Foster entgegen seinem ursprünglichen Entwurf dort aufsetzte. Der Künstler Christo gab im Sommer 1995 die Ouvertüre: Das Reichstagsgebäude hatte seinen Auftritt als Mittelpunkt eines Freizeitvergnügens. Es schien von aller Schwere der Geschichte befreit zu sein - und etwas von diesem Geist ist auf die Kuppel übergegangen. Mit 23 Metern ist sie halb so hoch wie die überdimensionale Pickelhaube, die Paul Wallot einst auf dem Dach installieren ließ. Fosters Exemplar verbindet Bonner Zivilität mit den Anforderungen der Erlebnisgesellschaft: Das Glas ist Symbol für Transparenz - und lädt gleichzeitig ein zu nächtlichen Light- shows. Die Begehbarkeit der Kuppel ermöglicht symbolisch die Kontrolle der Parlamentarier durch die Bevölkerung - und verschafft Touristen spektakuläre Ausblicke. Viele Architekturkritiker empfinden die Kuppel als Halbheit, "Windei" oder gläsernen Kompromiß. Doch der Erfolg beim Souverän ist sicher: Die Bevölkerung betritt das Parlament als Publikum, ihr Bedürfnis nach Einblick und Unterhaltung wird berücksichtigt.

Auch im Innern strebte Foster eine Synthese an. Es ist, als habe er Wallot und Behnisch miteinander versöhnen wollen: Mit Säulen und einer großen Eingangstreppe stellte er die ursprünglichen Proportionen wieder her, die runde, nur leicht elliptisch

zusammengedrängte Sitzordnung im Plenarsaal orientiert sich aber an Behnischs Bundestag. Die berühmten "Russengraffitis", bei der Innenrenovierung in den sechziger Jahren übertüncht, sind nun wieder zu lesen (sofern man Kyrillisch beherrscht). Das mag als Zeichen dafür taugen, daß die Deutschen ihre Geschichte nicht übermalen und verbergen wollen. Historisches Bewußtsein, demokratischer Alltag, touristisches Event - vielleicht ist diese Mischung zukunftsweisend fürs "neue Berlin".

Schwieriger, auch weniger glamourös ist der Umgang mit der Geschichte bei den

Ministerien. Sie kommen fast durchweg in Altbauten unter. Der heikelste Fall ist wohl

BAND DES BUNDES
Links hinten Axel Schultes' Kanzleramt, rechts vorne die Bürobauten von Stephan Braunfels.

die ehemalige Reichsbank am Werderschen Markt. Daß sie aus der Frühzeit des Nationalsozialismus stammt, ist ihrem monumentalen Steinplattenklassizismus deutlich anzusehen. Dort zieht demnächst der Alt-68er Joschka Fischer mit dem Auswärtigen Amt ein - eine merkwürdige Vorstellung. Man weiß nicht, wie die Nutzung dieses Gebäudes, in dem nach dem Ende des Dritten Reiches vier Jahrzehnte lang das Zentralkomitee der SED tagte, zu interpretieren ist: Als bewußte, tägliche Konfrontation mit der Geschichte? Oder als Akt des schleichenden Exorzismus, bei dem die Dämonen der Vergangenheit durch demokratische Profanität vertrieben werden sollen?

Hans Kollhoff, als Steinfassadenliebhaber bekannt, plante den Umbau der alten Reichsbank. Er spricht tatsächlich von der "täglichen Auseinandersetzung mit der Geschichte"; deshalb solle man das Gebäude nicht aufreißen, sondern von innen her aufhellen. Leuchtende Farben wie Rot und Blau lassen die Räume freundlicher erscheinen, eine Begrünung durch Pflanzen ist geplant, außerdem sollen zugemauerte Fenster wieder aufgemeißelt werden - mehr Licht! Nimmt man den Lichthof des angrenzenden, von Thomas Müller und Ivan Reimann entworfenen Neubaus hinzu, so erscheint Glas einmal mehr als Heilmittel gegen steinerne Machtmanifestation. Der Erweiterungsbau paßt sich an die Proportionen der alten Reichsbank an, läßt jedoch durch große Glasfassaden die Sonne herein. So entsteht hier eine Art Reichsbank light.

Nur das Innenministerium zieht in einen "echten" Neubau. Der steht in Moabit, auf dem ehemaligen Gelände der Meierei Bolle. Der Innenminister und seine Mitarbeiter mieten ihren Teil des Komplexes zwar nur - doch das ist äußerlich nicht zu erkennen: Der Bau des "Pizza-Königs" Ernst Freiberger paßt kongenial zur Nutzung. Der U-förmige Komplex mit seinen beiden zum Spreeufer hin ausgerichteten Rundtürmen erinnert an die Corporate identity eines großen Konzerns oder Scotland Yards. Die Türme lassen an Burgen und Befestigungen denken, symbolisieren also Macht und Uneinnehmbarkeit; doch abweisend wirken die Spiegel- und Glasfassaden nicht - ein freundlicher Riese.

Ein so neues, unbelastetes Gebäude würde sich manch anderer Minister wohl wünschen: zum Beispiel der Finanzminister, der seinen Mitarbeitern die langen dunklen Flure des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums zumuten muß; bei so viel suggestiver Tiefe dürften ihnen die Haushaltslöcher noch bodenloser erscheinen. Eine komplizierte Aufgabe hat auch das Verteidigungsministerium, das im sogenannten Bendlerblock unterkommt. Die Geschichte dieses wilhelminischen Baus im Dritten Reich könnte widerspruchsvoller nicht sein. Sowohl das Oberkommando der Wehrmacht als auch die

geheime Zentrale des Stauffenberg-Widerstands befanden sich unter diesem Dach. Keine leichte Aufgabe, sich in diesem Spannungsfeld als Chef der Bundeswehr symbolisch zu positionieren.

Diese halb erzwungene, halb gewollte Konfrontation mit deutschen Traditionen scheint ein Grundzug der "Berliner Republik" zu sein. Die Architekten übernehmen dabei die Aufgabe, den neuen Nutzern diese Auseinandersetzung nicht zu einfach, aber auch nicht zu schwer zu machen. Schließlich soll die tägliche Arbeit nicht in einer Atmosphäre historischer Depression vonstatten gehen. Vielleicht wäre es hilfreich, eine Anregung des amerikanischen Journalisten Michael Z. Wise aufzugreifen und mit Gedenktafeln an die Historie des jeweiligen Baus zu erinnern - auch, um nach außen hin zu demonstrieren, daß man sich der Schwierigkeiten durchaus bewußt ist.

Wie gut haben es da die Architekten, die Neuland betreten konnten. Axel Schultes, der Schinkel des Spreebogens, gibt freimütig zu: "Ich kann mich nicht beschweren." Er hat sowohl den Wettbewerb für den Spreebogen als auch den fürs Kanzleramt gewonnen. Hier wurde neu gedacht, hier wird neu gebaut - im Niemandsland, fast wie in Bonn. Das "Band des Bundes", das von West nach Ost über den Spreebogen gespannt ist und den Fluß zweimal überquert, ist das erste genuine architektonische Symbol der neuen Hauptstadt: Es relativiert oder konterkariert nicht Historisches, sondern setzt einen neuen Anfang.

Als Symbol ist das "Band", zwar nicht unbedingt dekonstruktivistisch, aber doch antizentralistisch: Es erinnert daran, daß Politik verschiedene Ansprüche und Interessen miteinander verbinden soll. So macht es auch nichts aus, daß die aktuelle Ost-West-Symbolik des "Bandes" in einer der nächsten Generationen verblassen wird - spätestens dann, wenn der Satz von der "Mauer in den Köpfen" nur noch Schulterzucken auslöst.

Auch städtebaulich hat der Entwurf Bestand: Schultes und seine Partnerin Charlotte Frank erteilten der Nord-Süd-Achse des Germania-Planers Albert Speer eine endgültige Absage; ihr "Band" liegt zwischen dem neuen Lehrter Bahnhof und der Straße des 17. Juni; es korrespondiert mit beiden. Das Kanzleramt fügt sich in diese Umgebung perfekt ein; es ist kein einsamer Regierungsmonolith, sondern Teil eines parlamentarisch-repräsentativen Ensembles.

BUNDESPRÄSIDIALAMT
Der Verwaltungsbau trägt Schwarz. Roman Herzog hätte sich eine "freundlichere" Farbe gewünscht.

Als es um die Planung dieses Kanzleramtes ging, standen Schultes und Frank vor einem Problem: Ihre Architektur verstehen sie als Gestaltung suggestiver Räumlichkeit. Wie sollte man solche Vorstellungen umsetzen bei einem Bau, den die meisten nur von außen sehen können? Schultes und Frank haben die Aufgabe raffiniert gelöst: Ihnen ist das Kunststück eines Gebäudes gelungen, das offen wirkt und trotzdem nicht zu viele Einblicke gewährt. Durch seine Höhe, seine an das Weiße Haus in Washington erinnernde Präsenz und die mächtigen Stelen wirkt das Gebäude "wichtig" und repräsentativ; durch sein Eingebundenheit und Transparenz bleibt es zivil.

Schultes erreichte diese Durchsichtigkeit, ohne auf das Allheilmittel "Glasfassade" zurückzugreifen. Ob es allerdings eine gute Idee ist, die Stelen mit Bäumen zu bepflanzen, ist zu bezweifeln; Helmut Kohl lehnte dies ab, Gerhard Schröder hat sich jetzt dafür ausgesprochen. Es bleibt abzuwarten, wie diese Stelen mit Mini-Dachgarten wirken. Der Münchner Architekt Stephan Braunfels hat die restlichen, im Band eingefaßten Gebäude entworfen. Und obwohl die beiden Architekten die Pläne des jeweils anderen nicht kannten, ging ein kongeniales Ensemble daraus hervor. Das Paul-Löbe-Haus auf dem Gelände des ehemaligen Alsenviertels strahlt die gleiche Mischung aus Transparenz und Präsenz aus wie das Kanzleramt. Gleiches gilt für das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Beide Gebäude sind vor allem für die Abgeordneten da: Im Löbe-Haus befinden sich hauptsächlich Sitzungssäle, im Lüders-Haus unter anderem die Bibliothek des Bundestags. Wenn die Regierung sich jetzt noch dazu durchringen könnte, das von Schultes und Frank in der Nähe des Kanzleramtes vorgesehene, aber bisher nicht umgesetzte

Bürgerforum auch tatsächlich zu bauen, dann wäre das "Band" auch für die Bürger und Touristen offen.

Bliebe am Ende noch ein Blick auf einen Nebenschauplatz der architektonischen Neuinszenierung Berlins. Einige Meter entfernt vom hellen und freundlichen Schloß Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten, gelangt man ins Halbdunkel. Das neue Bundespräsidialamt, im November letzten Jahres eingeweiht, ist ein Unikum. Dieser Verwaltungsbau knüpft an keine neuere Berliner Bautradition an, versucht auch nicht, nach Bonner Art harmlos zu sein, sondern fügt dem Ganzen etwas Neues hinzu.

Das Frankfurter Architektenduo Martin Gruber und Helmut Kleine-Kraneburg hat einen Bau entworfen, dessen Aura man durchaus unheimlich finden kann. Die kleineren der vielen Fenster demonstrieren, wie dick die Granitmauern sind. Sie sehen beinahe schon aus wie Schießscharten. Die Ellipse ist nicht gerade die ideale Form, eine Bürokratie zu verkörpern - es sei denn, es wäre eine Geisterbürokratie, in der die Papiere im Kreis wandern. Wer außerhalb des Zauns um den Bau herumgeht, gelangt in einen kleinen, umzäunten Garten. Hier, auf einer Bank neben einer kleinen Statue, die einen Jungen mit einem Esel darstellt, stellt sich dann endgültig das Gefühl ein, an einem Schauplatz der deutschen Romantik angelangt zu sein. Der Besucher blickt vom Märchengarten aus auf eine schwarze Festung, die ein Geheimnis zu verbergen scheint - als hätten E. T. A. Hoffmann und Franz Kafka sich diesen Ort gemeinsam ausgedacht. Die Architektur ist auf ganz andere Weise "typisch deutsch", als man vielleicht erwartet hätte: nicht offen autoritär oder triumphierend, sondern dunkel romantisch.

Nimmt man nun alles zusammen: den Reichstag, das "Band", die Ministerien, das schwarze Schloß, dann fällt ein eindeutiges Resümee schwer. Einen gemeinsamen Nenner für die neuen Bauten scheint es nicht zu geben. Vielleicht ist das Beste, was man über die Architektur der "Berliner Republik" sagen kann, daß sie so heterogen und widersprüchlich ist wie Berlin selbst. Aus vielen Gründen macht sie keinen radikalen Neuanfang. Die Abrißbirne ist nicht der erste Architekt dieser neuen Haupstadt. Damit brach man auch mit einer alten Berliner Tradition: der "Tradition der Traditionslosigkeit" (Wolf Jobst Siedler). Wer gern mutigere und experimentellere Architektur gesehen hätte, mag das beklagen. Vieles ist zögerlich, gar halbherzig, anderes kann man beeindruckend finden. Einheitlich ist es nicht. Die Berliner Republik stellt ihr Licht nicht unter den Scheffel, wie es die Bonner getan hat. Sie traut sich, ein eigenes Gesicht zu haben - viele Gesichter.

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