Bio-Büro für RioAlle Bausteine für einen umweltfreundlichen Städtebau wurden längst geliefert. Noch aber lassen Bauherren sie allzu oft links liegen.VON MANFRED WALDMANNDas Umweltgewissen ist noch lange nicht schlecht genug, weder bei Stararchitekt Norman Foster noch bei den ganz gewöhnlichen Häuslebauern. Nicht das als ökologisch gepriesene neue Hochhaus des britischen Architekten für die Commerzbank in Frankfurt am Main, auch nicht die abertausend Eigenheime sind zeitgemäß, selbst wenn sie, in Holzbauweise errichtet, als "Niedrig-EnergieTechnologie" gepriesen werden. Das zumindest meint der Dortmunder Architekturprofessor Günther Moewes, der gleich der gesamten Bauwirtschaft fundamentalistisch die Leviten liest: Schluß mit der Neubautätigkeit! Schluß mit Hochhäusern, Einfamilienhäusern, Schluß mit Solitären, Schluß mit dem Zeilenbau und den "Ganzumglasungen"! Keine Gnade für NiedrigEnergie-Techniken, Gebäudebegrünung oder Bauschuttverordnung! All dies führe einzig zum ökologischen Ruin - durch Energieverschwendung. Mag man Moewes auch radikalökologische Kurzschlüsse vorwerfen - seine Thesen leitet er aus der physikalischen Entropie ab, dem Gesetz der abnehmenden Ordnung, demzufolge alle Materie einem Zustand der Unordnung zustrebt. Das Bauen aber beschleunige diese Entwicklung wie keine andere menschliche Tätigkeit sonst - so schreibt der Professor in seinem Buch "Weder Hütten noch Paläste" (Birkhäuser-Verlag Basel, 1995). Bauen erzeuge die höchste Material-Entropie, die höchste Energie-Entropie und die höchste Landschafts-Entropie; damit sei es ein Luxus, den sich die Menschheit in Zukunft nicht mehr in dem Maße leisten könne wie bisher. Wer, geplagt von Gewissensbissen, den provokanten Thesen des Dortmunder Bautheoretikers bis hierher gefolgt ist, findet nur noch eine vage Hoffnung auf Erleichterung: die Wahl der Baumaterialien, Energiesparen und der behutsame Verbrauch von Bauland - allenfalls dadurch wäre ein praktikabler Öko-Kompromiß zu schließen. Theorie einmal beiseite: Eine vollständige Ökobilanz, die alle Folgewirkungen eines Bauprojekts berücksichtigt, können derzeit nicht einmal Experten aufstellen. Darin zeigt sich auch Gabriele von Kardorff unmißverständlich, die das Amt der Öko-Wächterin beim Debis-Bau am Potsdamer Platz in Berlin übernahm: "Da greifen zu viele Faktoren ineinander." |
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ÖKO-LOGISCH IN FRANKFURT Beim Neubau der Commerzbank versucht sich Norman Foster in Umweltgerechtigkeit. |
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| Ein Blick auf die Details. Zu den Öko-Pluspunkten bei Debis zählt das Energiekonzept: Der Primär-Energieverbrauch von 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr liegt unterhalb des heute üblichen Durchschnitts von Bürobauten und wurde durch eine doppelschalige Fassade, zusätzlichen Wärmeschutz mit luftgeschäumten Dämmstoffen, begrünte Innenhöfe und den Verzicht auf eine Klimaanlage erreicht. Der Bau hat außerdem drei weitere Vorzüge: Regenwasser spült die Toiletten, benetzt gezielt den Rasen; die Dachkonstruktion saugt wie ein Kamin verbrauchte Luft in den Dachbereich und von dort nach außen, und die Baustoffe sind umweltverträglich durch pflanzliches Schalöl oder PVC-freie Linoleumbeläge.
Ein Minus ist die Ausrichtung der Hauptfassaden nach Osten und Westen. Südblick ließ die städtebauliche Situation nicht zu. Dennoch fällt die kleine Ökobilanz von Rainer Hascher, Professor für klimagerechtes Bauen an der TU Berlin, positiv aus: Ein Beispiel für umweltgerechtes Bauen. In Ökologie versucht sich auch Norman Foster beim künftig höchsten Gebäude Europas, dem 258,7 Meter in den Himmel ragenden Frankfurter Commerzbank-Turm. Den Einfall von Kunstlicht läßt er elektronisch steuern; statt konventioneller Klimatechnik verwendet er ein Kühldeckensystem, verbunden mit der Möglichkeit, überall die Fenster zu öffnen - eine technische Glanzleistung. Für Energieeinsparungen und ein natürliches Klima sollen auch die viergeschossigen Gärten sorgen. Der Preis jedoch ist eine vorgehängte Fassade aus Glas und Aluminium, die Öko-Bilanzierer erschaudern läßt: Der Einbau eines Kubikmeters Aluminium verschlingt allein für Herstellung, Transport und Verarbeitung 800 Kilowattstunden Energie. Deutliche niedriger liegt dieser Wert bei Stahlbauteilen: zwischen 500 und 600 Kilowattstunden, bei Beton gar nur bei 150 bis 200 Kilowattstunden. Unschlagbar ist in diesem Punkt das Holz, das zu Baustoff verarbeitet nach einer Information des Bundes deutscher Zimmermeister ressourcenschonende acht bis 30 Kilowattstunden verbraucht. Doch mit Holz ist man bei Hochbauten auf dem Holzweg: Mehr als drei Geschosse dürfen damit nicht errichtet werden; einzig die bayerische Bauordnung läßt eine Etage mehr zu. Mithin sammeln größere Hochbauten nur Öko-Punkte, wenn sie, in kompakter Form errichtet, ein sparsames Energiekonzept aufweisen, etwa wenn sie als "grundstücksübergreifende Vervollständigung von Zeilenbebauung zu Blockrandbebauungen" realisiert werden, wie es Günther Moewes fordert. Ganz so unproblematisch ist die Öko-Lage auch in diesem Punkte nicht, weil sich beim umweltbewußten Bauen zwei Forderungen konträr gegenüberstehen: Einerseits soll der Wärmeverlust verringert werden, und dazu ist es am besten, Haus an Haus zu bauen. Andererseits soll die Sonnenwärme besser ausgenutzt werden, und das ist umso einfacher, je mehr Außenwände sich in der Sonne aufheizen können. Gewöhnliche Häuserzeilen rücken aber höchstens zwei Seiten eines Hauses ins rechte Licht; freistehende Häuser fangen die Sonnenwärme an allen Fassaden ein. Das allerdings verbraucht Landschaft und versiegelt den Grund und Boden. Hochhäuser sorgen zwar für mehr Dichte und damit für weniger Flächenverbrauch, doch sie verlieren durch ihre große Fassadenfläche viel Wärme und damit Energie. Schon das disqualifiziert Hochhäuser aus dem Öko-Wettbewerb. |
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| VOM AUSSENSEITER ZUM TRENDSETTER Mit dieser Art zu bauen stieß der Architekt Joachim Eble noch vor zehn Jahren bei Bauherren auf Unverständnis und Ablehnung. Heute erntet er von allen Seiten Beifall. Ins Ökohaus (Bild) in der Kasseler Straße in Frankfurt zog auch die Zeitschrift "Öko-Test" ein. |
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Allerdings haftet - mit Moewes radikalökologischer Elle gemessen - selbst durchdachten Ökobauten moderater Höhe ein fundamentaler Makel an: Sie sind eben Neubauten und damit Energiefresser. Das gilt sogar für das "Null-Heizenergie-Haus" der GSW in Berlin-Spandau, obgleich es durch einen 19 000 Liter Wasser fassenden Tank und Solarkollektoren an der Fassade Energie und Wärme unseres Fixsternes ausnutzt; dadurch kommt es ohne Wärmezufuhr durch Verbrennung von Öl, Gas oder Kohle aus. Doch die Baukosten des Spandauer Hauses mit Wassertank werden schamhaft verschwiegen. Auch die Berliner Solaranlagenverordnung, nach der 60 Prozent des jährlichen Warmwasserbedarfs bei Neubauten durch Sonnenenergie erwärmt werden sollten, liegt auf Eis - es ist kein Geld da. Gebaut wird dagegen die "Solarstadt für die Zukunft" im Potsdamer Lennépark. In dieses Projekt sollen 300 Millionen Mark fließen für 800 Wohnungen, Büros und Dienstleistungsbetriebe. Bisher steht in der Region nur eineinziges mustergültiges Ökogebäude: in Potsdam-Babelsberg das Wohn- und Geschäftshaus der Solartechniksysteme CME. Das hat Wände aus Beton, die mit Holz und Schilf isoliert sind. Teure Solartechnologie soll durch kürzere und effektivere Bauzeiten wieder ausgeglichen werden. Ein Weg, der vielverssprechend sei, sich abernoch bewähren müsse, urteilt Brandenburgs Umweltminister Matthias Platzeck. Trotz Fundamentalkritik, Widerstand von Behörden und Vorbehalten der Bauherren baut Joachim Eble, Architekt aus Tübingen mit Büro in Berlin, immer noch gern: So etwa das Ökohaus in der Kasseler Straße in Frankfurt am Main. Dort arbeitet auch die Redaktion der Zeitschrift "Öko-Test". Was Eble vor zehn Jahren in Renningen mit einem ersten, noch skeptisch beäugten Bio-Bürobau begann, ist inzwischen ein Trend: der Einsatz von natürlichen, nachwachsenden Baustoffen, die Nutzung von Regenwasser sowie natürliche Klimatisierung und Tageslichtumlenkung. Wer also das Versprechen des Klimagipfels von Rio ernst nimmt - den CO2-Ausstoß bis 2005 um 25 Prozent zu senken -, wer sein drückendes Umweltgewissen erleichtern will, der schnüre nach diesem Vorbild ein Rio-Baupaket. Der Inhalt: umfassender Wärmeschutz, eine luftdichte Gebäudehülle, kontrollierte Be- und Entlüftung, Ausrichtung zur Sonne, hochentwickelte Heizungsanlagen, Wassereinsparung, gesundheits- und umweltverträgliche Materialien. Das gibt es alles schon, und es gibt auch Architekten, die danach planen und bauen. |
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