Lustschloß... oder Luftschloß

Beide Orte heißen Wulkow. In beiden steht ein Schloß - gebaut im gleichen Jahr: 1697. Beide verkaufte die Treuhand. Eines ist inzwischen ein gediegenes Hotel, das andere immer noch eine Ruine.

VON KAROLA MENGER

Herb ist das Land im Oderbruch um Frankfurt/Oder, eher ein Platz für Katen als für Schlösser. Wem gehörte einst das Land, fragt der Historiker. Den streunenden Wölfen, antwortet der Förster, davon zeugten noch heute die Ortsnamen: "Wulkow" stamme aus dem Wendischen und bedeute "Wolf" - gleich ein halbes Dutzend Wulkows lägen hier nahe beieinander. Nein, dem Adel gehörte das Land, sagen die Bauern: den Hardenbergs, den Brünecks und den Königen Drosselbart; sie hätten hier ihre Paläste einst mit der Streusandbüchse verteilt. 650 Schlösser und Herrenhäuser gebe es allein in der Mark Brandenburg. Der Adel klagt, den Bauern gehöre das Land seit den Enteignungen 1945 - "Friede den Hütten, Krieg den Palästen": Die Wunden sind immer noch nicht verheilt.

Eines der wenigen gut erhaltenen Schlösser liegt in Wulkow bei Neuhardenberg. Vor vier Jahren fand es Käufer, die Hotelier-Familie Heselhaus. Dabei war sie aus dem Münsterland nur ins Oderbruch gereist, um Immobilien in Augenschein und wieder in Besitz zu nehmen, die der Familie einst gehörten. Die Hoffnung zerschlug sich - eine neue tat sich auf. Wollen Sie nicht ein Schloß kaufen? fragte ein Mitarbeiter der Treuhand, und es klang, als ob der Metzger fragte: Darf''s ein bißchen mehr sein?

Und doch hat Schloß Wulkow anderen Schlössern gegenüber viele Vorzüge: Es stand nie leer, auch zu DDR-Zeiten nicht; nasse Wände oder gar Hausschwamm waren nicht zu befürchten. Nicht einmal Auflagen des Denkmalschutzes gab es - zu oft wurde der Renaissancepalast im Lauf der Jahrhunderte umgebaut. So verwundert auch die große Zahl der Bewerber um das Treuhandschnäppchen nicht: 48. Einer wollte das Schloß in eine Reha-Klinik für Drogensüchtige verwandeln, ein anderer in ein Asylbewerberheim. Das Hotelkonzept setzte sich durch; es galt als das Sicherste.

Seiner Rentabilitätsberechnung legt Jungunternehmer Bernd Heselhaus Durchschnittswerte zugrunde: Der Bau eines Hotelzimmers werde gemeinhin mit 80 000 bis 120 000 Mark kalkuliert - Kosten für Parkplatz sowie Restaurant inklusive. Für das Parkhotel Wulkow mit 48 Zimmern kämen demnach fünf Millionen zusammen. In Wulkow waren es acht Millionen, da das Schloß entkernt wurde, um hotelgerechte Grundrisse zu schaffen, da alle Wasserleitungen erneuert und rund 20 Kilometer neue Elektroleitungen gezogen sowie ein Wintergarten angebaut wurden. Und natürlich der Kaufpreis: 1,2 Millionen. Einen Teil der Summe erlösten Juniorchef Heselhaus und seine Eltern - alle drei sind gleichberechtigte Gesellschafter im Hotelunternehmen - durch den Verkauf des familieneigenen Hotels im Münsterland. Den Hauptteil der Finanzierung übernahm die Deutsche Industrie- und Handelsbank. Dritte Kapitalquelle war die ERP, die Fördermittel aus ihrem Existenzgründerprogramm bewilligte.

GRUND ZUM FEIERN
Der neue Schloßherr Bernd Heselhaus vor seinem Parkhotel in Wulkow bei Neuhardenberg. Die acht Millionen Investitionen scheinen gut angelegt.
Trotz aller Hilfen muß der Hotelbetrieb aus den Einnahmen des Restaurants "querfinanziert" werden; momentan fährt es 45 Prozent des Gesamtumsatzes ein. Kein Wunder, denn die Küche verdient den Namen Haute Cuisine. Die Zeitschrift "Capital" setzte sie kürzlich im Restaurant-Test Ost auf Platz 6. Forellen kommen frisch aus Altfriedland, das Gemüse stammt von Ökobauern aus dem Dorf. Die Bauern folgen gar dem Wunsch, Zucchini stets mit Blüte zu ernten - weil es auf dem Teller so schön aussieht.

Im dritten Jahr ist das Hotel zu 58,5 Prozent ausgelastet, so der junge Schloßherr. "Erreichen wir 60 Prozent, sind wir Anfang 1998 aus den roten Zahlen." Dieses Ziel fest vor Augen, sorgten die Schloßherren vor: Acht Hektar an das Hotelgelände angrenzenden Grund und Boden kauften sie dazu.

"Dieses Schloßhotel hätte im Munsterland keine Chance", sagt Heselhaus. Die Konkurrenz sei dort zu groß. Das herbe Oderbruch dagegen ist touristisches Niemandsland. Zwar stehen inzwischen Götz George und Bundespräsident a. D. Richard von Weizsäcker im Gästebuch, doch das war Ergebnis "von Marketing und Vertrieb", sagt der Juniorchef. Wichtiger noch als die Prominenz sind Tagungen: Sie bringen acht von zehn Gästen; unter den anderen sind Bildungshungrige, die sich in der Mark "auf die Spuren Fontanes" machen - per Reisebus.

Bisweilen irren auch bärtige Typen mit Schlumperpullover und Birkenstocksandalen vor dem Schloßhotel Wulkow umher. Vor dem schmiedeeisernen Tor schrecken sie aber meist irritiert zurück: Das ist doch kein Ökoschloß! Andererseits fuhr vor Jahren ein halbes Dutzend LKW-Fahrer bis Wulkow - bei Booßen. Einer von ihnen rätselte, ob er die Aufzüge denn tatsächlich abladen sollte - vor der Ruine, aus deren oberer Etage Birken zwei Meter in den Himmel sprossen und deren Fenster teils zerschlagen, teils zugemauert waren? Die LKW-Fahrer hatten entdeckt, was andere 70 Kilometer entfernt suchten: das Öko-Schloß Wulkow. Eine naheliegende Verwechselung: Beide Orte haben denselben Namen, und beide feiern 1997 ihr 300jähriges Bestehen.

GRUND ZUM ÄRGERN
Der verhinderte Schloßherr Martin Merk vor der Ruine in Wulkow bei Booßen. Für sein Ökoschloßkonzept fehlten mindestens fünf Millionen.
"Heulen könnte ich", sagt die 86jährige Helene Lublow. Die Umsiedlerin kam 1950 nach Wulkow und lebte kurze Zeit selbst in den Adelsgemäuern: "Im Balkonzimmer mit Blick in den Schloßgarten!" Am uralten, herrschaftlichen Kohleherd kochte sie für LPG-Bauern, und alljährlich tanzte sie auf dem Schloßparkett zu Erntedankfeiern. Schon in den 60er Jahren, klagt die Greisin, sei das Dach löchrig gewesen. Umsiedler hätten damals Kunstdünger im Schloß gelagert, der schleichend das Mauerwerk kaputtgefressen habe. Auch ließ man den rechten Flügel des Gebäudes abreißen - stapelweise hätten Bauern Ziegel weggeschleppt, um ihre eigenen Katen zu bauen. Friede den Hütten - der Palast starb tausend kleine Tode. Aber sogar noch die Ruine war vor zwei Jahren Objekt von Investorenbegierden: 45 Interessenten, darunter Bieter aus Übersee und der Don-Kosaken-Chor, hatten bei der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft Kaufinteresse bekundet, angeregt von einem weltweit vertriebenen Katalog und beeindruckt vom Kaufpreis: einer Mark. So schnell wie sie angelockt wurden, waren sie nach einer Besichtigung wieder abgeschreckt. Investitionen von fünf bis elf Millionen verlangte die TLG von dem künftigen Käufer.

So ging aus der Konkurrenz zuletzt nicht irgendein Exote, sondern der in Wulkow ansässige Ökospeicherverein hervor. Die "Musterökologen" hatten durchaus gute Referenzen vorzuweisen: 1994 wurde ihnen und ihrem Dorf der Bundesumweltpreis verliehen. Die Jury hatte sich beeindruckt gezeigt von der Verwandlung eines vernachlässigten sozialistischen Dorfes in eine vorbildliche Ökogemeinschaft. Ein Niedrig-Energie-Haus am Ortseingang, das die Gestalt einer fliegenden Untertasse hat, zieht jährlich 10 000 Besucher in die 200-Seelen-Gemeinde. Im umgebauten Speicher bieten Bauern an Markttagen feil, was sie in ökologischer Bewirtschaftung herstellen und züchten - von der Kartoffel über den Karpfen bis zum Honigwein. Teil dieses "Programms" sollte auch das Ökoschloß werden - als Tagungszentrum und Pension.

"Im Wulkower Schloß sind die Bedingungen besonders kompliziert", sagt Martin Merk. Der 32jährige Schweizer Energetiker ist Geschäftsführer des Ökospeichervereins im Dorf. In der Schweiz sammelte er reichlich Erfahrungen mit der sanften Umnutzung historischer Gebäude. Doch in diesem Gemäuer sitze der Hausschwamm, und die Flächenaufteilung sei ungünstig. Da die Untere Denkmalschutzbehörde das Schloß auf Antrag der TLG unter Denkmalschutz stellte, sei der historische Bau schwerlich in ein "Ökoschloß" nach dem Vorbild von Niedrig-Energie-Häusern zu verwandeln. "Alt und neu zu kombinieren, wurde nicht akzeptiert", sagt Merk. Er wollte Sonnenkollektoren auf das Dach setzen und das Gebäude mit modernen Baustoffen dämmen.

Ein Finanzierungskonzept habe es gegeben: Fördermittel des Landes als Anschubfinanzierung; Bankkredite und Zuschüsse aus der Bundesumweltstiftung waren angefragt, und Sponsoren sollten das Gros der Kosten übernehmen. "An wohlwollenden Absichtserklärungen mangelte es nicht, eine langfristige Wirtschaftlichkeit war aber nicht nachzuweisen", sagt Merk - der Traum vom ersten Öko-Schloß Deutschlands ist geplatzt. Ein Jahr nach dem Erwerb gab der Ökospeicherverein das Anwesen an die TLG zurück.

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