Das Ende der SteinzeitIm bayerischen Schwabach sollte die neue Epoche des Holzbaus eingeläutet werden. Doch die Massivbauer haben zum Gegenangriff geblasen.VON MONIKA LEYKAMTransparente Laubengänge führen von den mit weißen Sperrholzplatten verkleideten Erdgeschossen zu zwei himmelblauen Obergeschossen. Ihre Eingänge öffnen sich auf die Mietergärten. Sogar an diesem trüben Wintertag strahlt die Wohnanlage Am Holzgarten in Schwabach bei Nürnberg freundliche Behaglichkeit aus: sozialer Wohnungsbau nach bayerischer Art. Doch nicht ob ihrer regionalpatriotisch leuchtenden, weiß-blauen Fassaden wurden die 56 Wohnungen in vier Häusern über die Landesgrenzen hinaus bekannt, sondern wegen ihrer Konstruktion: Hier legte nicht ein Maurer Hand an - denn die Häuser entstanden aus Holztafeln. Die im November 1994 fertiggestellte Wohnanlage ist das erste Modellvorhaben aus dem Projekt "Mietwohnungen in Holzsystembauweise" der Obersten Baubehörde Bayerns . |
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VOM "CHARME" DER BARACKEN
Holzhaus in Alt-Perlach : Über die Laubengänge verbreitet sich oft erheblicher Lärm - doch bei geschickter Konstruktion ist auch das Problem der Schallübertragung zu lösen. |
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| Die Idee wurde, wie so oft, aus der Not geboren: Im Jahre 1990 zogen immer mehr Aussiedler aus dem Osten Europas in den Freistaat. Da deren Einkommen niedrig und Wohnraum bereits knapp und daher teuer war, mußte eine schnelle und billige Lösung her. So errichtete der Freistaat zunächst an verschiedenen Orten 165 zweigeschossige Wohnhäuser in Holzrahmenbauweise. Die reinen Baukosten waren rekordverdächtig niedrig: zwischen 1350 und 1550 Mark pro Quadratmeter. Die so gewonnenen Erfahrungen wollte die Staatsregierung auch für den sozialen Wohnungsbau nutzen. Zwei Jahre später machten sich die Regierungsvertreter auf die Suche nach Bewerbern für ein Anschlußprojekt - mit zunächst enttäuschenden Resultaten: Trotz internationaler Ausschreibung hielten die Entwürfe nicht einmal die Kostenobergrenze von 1800 Mark pro Quadratmeter ein. Erst "intensive Verhandlungen" mit den ausführenden Firmen hätten zu den gewünschten Ergebnissen geführt, berichtet Martin M. Daut von der Landeswohnungs- und Städtebaugesellschaft Bayern GmbH (LWS) in Nürnberg. Die Füssener Firma Holz Merk erstellte die Schwabacher Wohnanlage schließlich doch zu einem Quadratmeterpreis, der im gewünschten Zielkorridor lag: 1722 Mark.
Doch zwei Jahre nach Fertigstellung der Wohnungen müssen die Mieter in Schwabach den Preis für das kostengünstige Bauen zahlen. Der Zahn der Zeit nagt an der Wohnanlage Am Holzgarten: Risse ziehen sich über die wetterseitigen Holzfassadenplatten, die hölzernen Gerüste für die Balkone neigen sich in alle Richtungen, nur nicht im Winkel von neunzig Grad. "Wenn in der unteren Wohnung die Kinder Rabatz machen, fallen bei uns die Sachen vom Regal", klagt eine Mieterin; "und wenn sie dann auch noch über den Laubengang rennen, ist der Lärm unerträglich." Über der Tür, an den Wänden und auf dem Fußboden der Wohnungen haben sich zudem Risse gebildet. "So würden wir heute nicht mehr bauen", räumt Daut ein. Doch auch in Nürnberg-Langwasser, dem zweiten Holzbauprojekt, das ein Jahr später fertiggestellt wurde, herrscht alles andere als eitel Sonnenschein: "Wir ziehen aus, uns reicht's!" so eine erboste Bewohnerin. Wer ihrer Einladung in die bereits ausgeräumten Erdgeschoßräume folgt, steht auf einem unbehaglich kalten Fußboden und registriert Risse an den Ecken längs der Außenwände. Lehrgeld zahlten die Bayern auch bei einem weiteren ehrgeizigen Projekt: "Holzhäuser in amerikanischer Bauweise". Das initiierte der bayerische Staatssekretär für Bauen, Alfred Sauter, im Jahr 1995. Sauter hatte bei einem Besuch in den USA Geschoßwohnungsbauten aus Holz besichtigt und sich von den enormen Kostenvorteilen dieser Bauweise überzeugen lassen. Nach diesem Vorbild entstanden 61 Wohnungen in Nürnberg und München. Dafür wurde eigens die bayerische Bauordnung außer Kraft gesetzt; sie läßt bei Holzkonstruktionen lediglich drei Vollgeschosse zu, hier sollten es aber vier sein. In München verabschiedeten sich die Beamten bereits im Vorstadium von der Idee, Planung, Ausführung und Materialien den Amerikanern zu überlassen. In Nürnberg dagegen legten die Staatsdiener einen regelrechten Genehmigungsmarathon zurück, um die US-Normen durchzusetzen. Das Ergebnis, wie es sich nach etlichen Kompetenzstreitigkeiten und Baukosten weit unter der Wirtschaftlichkeitsgrenze präsentiert, ist ernüchternd: enge, düstere Flure, hallende Treppenhäuser und eine Architektur, die sich allenfalls mit der des sozialen Wohnungsbaus der siebziger Jahre messen kann. LWS-Zweigstellenleiter Daut gibt unumwunden zu: "In der Praxis hat sich die Übertragung von US-Verfahren als eher unpraktisch erwiesen." Überhaupt hält Daut den Baustoff Holz im bundesrepublikanischen Geschoßwohnungsbau für wenig zukunftsträchtig: "Wir Deutschen sind nun einmal empfindlicher, was den Schallschutz angeht. Was in Amerika niemanden stört, wird hierzulande schon als Belästigung empfunden." Mit insgesamt 66 Millionen Mark förderte der Freistaat Bayern die beiden Modellvorhaben. Auf 26 Grundstücken wurden seit 1994 über 900 Wohnungen in überwiegend dreigeschossiger Bauweise errichtet; in diesem Jahr werden die letzten Nachzügler fertig. Nach Einschätzung der Obersten Baubehörde hat das Modellprogramm seine Aufgabe voll und ganz erfüllt. "Die aufgetretenen technischen Probleme betrachten wir als Kinderkrankheiten", sagt die für den Bereich Holzbau zuständige Bauoberrätin Karin Sandeck. Beim Modellprogramm habe sie seitens der Bevölkerung "hohes Interesse und positive Resonanz" festgestellt. Doch genügt dieser Erfolg für ein Programm in zweistelliger Millionenhöhe? |
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| NICHT EITEL SONNENSCHEIN
Kalter Fußboden und Risse an den Wänden: Modellprojekt in Nürnberg-Langwasser. |
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| "Ein neues Holz-Modellprojekt wird es nicht mehr geben", sagt Ministerialrat Gunter Maurer von der Obersten Baubehörde in München. Das Ziel, bei Investoren und Mietern das Interesse am Systembau mit Holz zu wecken, sei erreicht; die weitere Entwicklung überlasse man dem Markt. So blieb bereits beim letzten, 1994 gestarteten Modellvorhaben "Kostengünstiger Wohnungsbau" die Wahl des Baustoffes Sache der Teilnehmer - lediglich die Kosten wurden mit 1800 Mark pro Quadratmeter Wohnfläche gedeckelt. Und der Markt reagierte: In sieben Architektenwettbewerben konnte sich nur einmal Holz durchsetzen, und auch dort nur in Kombination mit Stahlbeton - sonst obsiegten Bewerber, die auf Bauten aus Stein oder Beton setzten. "Es scheint, als ob der Preis keine Frage des Materials ist", sagt Maurer - schließt aber nicht aus, daß "es sich bei den derzeitigen Angebotspreisen nur um Kampfpreise der Massivbauer handelt". So dürfen es sich die Verfechter der Holzbauweise immerhin als Verdienst anrechnen, daß sich die Vertreter der Betonindustrie, die Kalksandsteinlobbyisten und die Ziegelhersteller seit gut einem Jahr mit Konzepten für kostengünstiges Bauen wechselseitig überbieten. Als eines der ersten Beispiele ihrer Art wurde 1995 eine Wohnanlage mit Mehrfamilienhäusern in Lindau/Bodensee errichtet. Ursprünglich war sie in Holzsystembauweise ausgeschrieben; vergeben wurde das Projekt aber letztlich an den billigsten Anbieter. Dieser garantierte einen Preis von 1600 Mark pro Quadratmeter - obgleich er die Häuser mauern ließ. Im Zuge des ungewohnten Wettbewerbs formierte sich eine massive Front gegen den Trend zur Leichtbauweise. "Ein massives Haus gibt Sicherheit", wirbt etwa Joachim Kieker, Chef der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerksbau, für eine "jahrhundertealte Tradition". Ins Feld geführt für die massiven Baustoffe werden zudem Langlebigkeit, Feuerfestigkeit sowie die problemlose Beleihung bei Banken. Holzhäuser haben dagegen mit Vorbehalten zu kämpfen: Billige Holzbauten aus der Nachkriegszeit trugen ihnen ein Baracken-Image ein; wer dagegen sein Eigenheim Stein auf Stein mauerte, errichtete sich damit auch ein Symbol des Wohlstands. Im Wettbewerb gegen die massive Konkurrenz räumt jedoch der Münchner Architekt Herbert Meyer-Sternberg dem Holz-Geschoßbau gute Chancen ein: "Die Anbieter müssen nur den hohen Vorfertigungsgrad von Holzsystemen noch stärker nutzen." An sich seien Bauten mit Holz keineswegs billiger als massive Häuser. Die spezifischen Qualitäten des Werkstoffes lägen aber in seiner Leichtigkeit, seiner bauphysikalischen Eigenschaft als schlechter Wärmeleiter und dem angenehmen Klima in Holzhäusern. Für den Münchner Architekten ist auch das Problem der Schallübertragung über die Decken längst keines mehr, sofern die Planung stimmt: Die Decken der von ihm entworfenen Holzhäuser in Alt-Perlach seien jedenfalls nicht hellhöriger als gemauerte oder in Beton gegossene Decken. Tatsächlich entscheiden sich in Deutschland immer mehr Käufer für ein Holzhaus: Lag der Marktanteil bei Ein- und Zweifamilienhäusern 1990 noch bei einem halben Prozent, stieg er bis 1995 auf immerhin drei Prozent. "In absoluten Zahlen ist dieser Wert noch recht dürftig", bekennt der Betreuer des Arbeitskreises ZimmerMeisterHaus, Bernd Reuß. Er rechnet aber damit, daß sich das bisherige Wachstum exponentiell fortsetzen wird. Für das Jahr 2001 prognostiziert er einen Marktanteil von etwa zehn Prozent - dazu müßten rund 12 000 Holzhäuser im Jahr gebaut werden. In dem 1987 in München gegründeten Arbeitskreis sind inzwischen 76 Unternehmen organisiert, die letztes Jahr 1640 Wohnungen aus Holz bauten. 1990 ging der Kreis ein Marketing-Joint-Venture mit der American Plywood Association (APA) ein, Nordamerikas größtem Verband der Holzwerkstoffindustrie. Und noch in diesem Jahr wird er drei Referenzobjekte des sogenannten "Mikadohauses" nach Plänen des Darmstädter Architekturbüros Werk.um errichten; die reinen Baukosten betragen 200 000 Mark bei einer Wohnfläche von hundert Quadratmetern. Für 1998 plant der Arbeitskreis eine Marketing-Kampagne. Und bis 1998 soll ein Qualitätssiegel eingeführt werden. |
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