| 05. Dezember 2000
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Kinski im ArchivIm Westhafen entstanden Edgar-Wallace-Filme. Heute ist das Zeitungsarchiv der Staatsbibliothek dort zu finden. Harald Olkus besuchte es.
Wenn dichter Nebel über den schwarz-weißen Bildschirm wabert, englische Autos über nass glänzendes Kopfsteinpflaster holpern, Klaus Kinski hinterhältig lächelnd an der dunklen Ecke eines düsteren Kais verschwindet und schrille Musik Böses ahnen läßt, dann befinden wir uns mit Sicherheit im Berliner Westhafen. Zumindest so, wie er in den deutschen Verfilmungen der Edgar-Wallace-Krimis aus den sechziger Jahren verewigt ist. Ob dieser Ort damals der Londoner Hafengegend mehr ähnelte als heute? Stehen geblieben ist die Zeit immerhin noch im Westhafen-Casino. Allerlei Nippes erinnert hier an die große Zeit der Binnenschifffahrt: An der Decke hängt ein Fischernetz, in dem sich Möwen, Muscheln und Schiffslaternen verfangen haben; auf der Theke prangt der massige Messinghelm eines Tiefseetauchers, und daneben trotzt ein Steuermann im Friesennerz dem schweren Wetter - in Miniatur als Stehlampe verewigt. Mittendrin steht eine Sammelbüchse der evangelischen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Seeleute sitzen an den Tischen allerdings kaum mehr, sondern Lkw-Fahrer und Bauarbeiter. Im Hafenbecken hat nur ein einziges Schiff festgemacht, dafür stoppen jede Menge Trucks. Wo das flottierende Kapital strandet und sich in Beton, Stein und Glas konkretisiert, ist oft mehr dem Zufall der Begleitumstände als der weitsichtigen behördlichen Planung geschuldet. Weit über jeden prognostizierten Bedarf hinaus haben sich großflächige Einkaufszentren am Rande der Städte ausgebreitet, weil dort die Grundstücke billig und die Gemeinden willfährig waren. In den Städten selbst wird währenddessen jede halbwegs gelungene Investition fälschlicherweise als Leistung der Stadtpolitik gefeiert, doch Revitalisierung der Innenstadt findet auch hier nur statt, wenn Investoren-Spürnasen Schnäppchen wittern. Eine Initiative wie jene der Industrie- und Handelskammer Berlin, die versucht, neue Nutzungsmöglichkeiten für aufgelassene Industrieareale mit denkmalwürdigem Baubestand aufzuzeigen, bemüht sich deshalb nicht, der Fantasie der beamteten Planer auf die Sprünge zu helfen, sondern appelliert an das Engagement der privaten Investoren. Borsig in Tegel zum Beispiel. 1894 hatte August Borsig im Zuge der zweiten Berliner Randwanderung der Industrie großzügige Flächen am Tegeler See erworben und dort seine Lokomotivfabrik aufgebaut. Bis 1992 wurde auf dem Standort produziert, dann zog sich Nachfolger Thyssen vom letzten Teil des Geländes zurück. In zwei Schritten übernahm Herlitz das Areal, errichtete hier seine Unternehmenszentrale sowie Werkshallen. Für die Entwicklung der "Restfläche", immerhin 15 Hektar eines mit langen Reihen von Maschinenhallen bestandenen Geländes, gründete Herlitz eine Grundstücksgesellschaft. Sie firmiert inzwischen mit neuen Eignern als RSE Projektmanagement AG. Wahrzeichen und Namensgeber der "Hallen am Borsigturm" ist das erste Hochhaus Berlins, 1924 von Eugen Schmohl in einem verhaltenen Expressionismus erbaut. Von hier aus fällt der Blick auf die in Backsteingotik schwelgenden Giebelreihen der Borsighallen. Nach den städtebaulichen Visionen von Claude Vasconi entstand ein Einzelhandelszentrum mit 22 000 Quadratmetern Verkaufsfläche samt Parkhaus mit 1600 Stellplätzen, ein Gewerbe- und Innovationspark, ein Gründerzentrum, Büros, ein Hotel, 208 Wohnungen und neue Industriebauten. Drei ganze und zwei halbe der knapp zwei Dutzend lang gestreckten Lokomotivhallen hat Vasconi als Denkmale erhalten und mit neuem Leben erfüllt, eine davon mit voll verglastem Dach als Erschließungsachse. Wo früher Dampfloks in die vielschiffige Kathedrale der Arbeit ein- und ausrollten, betritt das Publikum heute den Tempel des Konsums und findet alles, "was der Mensch zum Leben braucht", also Supermärkte und die bekannten Filialisten von Leiser bis Segafredo, internationale Gastronomie und Fast-Food-Läden sowie ein Health-Fitness-Studio, eine Bowlingbahn und eine Disco. Quer über den Hallen schwebt wie ein fliegender Teppich das gläserne Dach. In der Mitte der Hallenreihe schwingt es sich besonders hoch und weit. Hier hat Vasconi das Giebelthema neu interpretiert, hat zwei alte durch einen breiteren, gläsernen Giebel mit ausladender Hutkrempe ersetzt und darunter das Foyer des Multiplexkinos "Cinestar" untergebracht. Einfach war es nicht, die neun Kinosäle in die alten Hallen zu integrieren und auch die Projektorräume so an einem gemeinsamen Gang zu platzieren, dass der Betreiber sie personalsparend bespielen kann. Ferner entstand ein gewisses Missverhältnis zwischen der recht auftrumpfenden Glasfassade und dem sich dahinter öffnenden schmalen Zugang zur Rolltreppe ins Kinofoyer. Dieser "Haupteingang" ist jedoch zweitrangig, da die meisten Besucher das Foyer vom Einkaufszentrum oder vom Parkhaus aus über den oberen Zugang betreten. Für die innere Gestaltung des Kinos ist der Lübecker Architekt Thomas Tillmann verantwortlich. Er spielt mit dem Thema Industriearchitektur, schafft mit Stahl, satiniertem Glas und dunklem Industrie-Estrich trotz des Verzichts auf den obligatorischen Teppichboden eine fast vornehme Atmosphäre. Kein Pappmaché- und Spanplattenausbau versucht das Auge zu täuschen. Die Solidität der Innenarchitektur ist buchstäblich mit Händen zu greifen. Sie vermittelt ein Gefühl von Qualität, das in der heutigen Entertainmentarchitektur selten ist. Die Bar, die sich kreisrund in das Foyer schiebt, heißt kurioserweise "Film-Eck". Zwei Schritte und man hat die hohe, weite Halle verlassen, fühlt sich in der intimeren Bar geborgen und behält trotzdem den Überblick - eine innenarchitektonische Meisterleistung. Die Höhe der Bar vermittelt auch zwischen der Halle und dem niederen Flur, von dem aus beiderseits die Kinosäle zugänglich sind. Hier zeigt sich wieder das subtile Spiel mit dem Thema "Borsig": Metallstreifen im Boden assoziieren Schienen, die Verkaufstresen für Cola und Popcorn sind aufgereiht wie einst die Eisenbahnwagen. All diese Reminiszenzen sind unaufdringlich eingesetzt, niemals rustikal oder nostalgisch; die Besucher werden kaum darüber nachsinnen, sondern sie nur atmosphärisch wahrnehmen. Auch wenn in einigen Sälen die Geschichte des Ortes unverschlüsselt ablesbar ist, dort wo der Architekt die Chance ergriffen hat, die alten Deckenkonstruktionen zur Wirkung zu bringen. Verglichen mit den in Berlin gleich dutzendweise neu erbauten Kinozentren hat das Cinestar Tegel Charme und ein eigenes Gepräge. Es ist gelungen, das historische Ambiente zu nutzen, daraus Anregungen für eine unverwechselbare Gestaltung zu gewinnen und es nahtlos in eine kommerzielle Gesamtanlage einzubinden, die zur Wiederbelebung des Tegeler Zentrums beiträgt. Statt Dampfrössern bevölkern heute Käuferscharen und Vergnügungslustige die Anlage. Rauch und Dampf, Ruß und Lärm sind zwar aus den Hallen verbannt. Doch das Einkaufszentrum und das Großkino profitieren gleichermaßen von der immer noch eindrucksvollen Aura der Industriearchitektur. ODie Berliner Hafen- und Lagerhausbetriebe (Behala) möchte den Westhafen zum Güterverkehrszentrum für Schiff, Bahn und Lkws ausbauen. Sie hofft, dass hier nach der Modernisierung der Wasserstraßen im Rahmen des Verkehrsprojekts "Deutsche Einheit Nr. 17" viele Großmotor-Güterschiffe anlegen. Doch die alten Backsteinlagerhäuser, in denen früher die Schiffsladungen gelöscht wurden, sind nicht auf die Bedürfnisse der modernen Container-Logistik wie Hochregal-Lager eingerichtet. Um den dafür nötigen Platz zu schaffen, schütten Bagger derzeit eines der drei Becken des Hafens zu. Auch für die denkmalgeschützten Speichergebäude sucht die Behala nach neuen Nutzern. Für den ehemaligen Getreidespeicher ist das bereits gelungen. Seit drei Jahren befindet sich dort die Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek. Die Bestände des Hauses Unter den Linden und der neuen "Stabi" in der Potsdamer Straße sind hier zusammengefasst. Die Archivare sammeln hier fortlaufend 500 verschiedene Zeitungstitel als Papieroriginal oder Mikrofilm, das Gros kommt aus dem Ausland. Neben der "Times of India" und anderen Zeitungen aus der ganzen Welt kann der Besucher 80 verschiedene deutsche Blätter lesen. Stolz sind die Bibliothekare auf ihr ältestes Stück, die "Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen" vom 30. Juni 1740. "Das war direkt nach dem Regierungsantritt von Friedrich II.", erzählt der Leiter der Zeitungsabteilung, Joachim Zeller. Der aufgeklärte Monarch habe zwar zunächst allgemeine Pressefreiheit gewährt, sollte diese aber bald wieder einschränken. Das Speichergebäude errichtete die Behala während des Ersten Weltkrieges. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mietete das Haus 1992 an und baute es für 30 Millionen Mark als Ausweichmagazin für die Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek um. Mit seinem beigen Teppichboden, der flachen Theke der Zeitungsausgabe und den Metallregalen orientiert sich die Inneneinrichtung des Lesesaals an der Stabi in der Potsdamer Straße. Und auch das runde Bullaugenfenster, hinter dem sich die Vakuumpumpe des früheren Getreidespeichers befindet, zitiert den Scharoun-Bau in der Potsdamer Straße. Jetzt sitzen hier Studierende und blättern in vergilbten, zu Büchern gebundenen Zeitungsjahrgängen. Im vergangenen Jahr zählten die zwölf festen Mitarbeiter 10 000 Leser aus aller Welt im Westhafen. Mit 170 000 Zeitungsbänden und 60 000 weiteren auf Mikrofilm können sie dabei in den Magazinen des Getreidespeichers auf die größte Zeitungssammlung Deutschlands zurückgreifen. Sehr vorteilhaft für die Nutzung als Archiv sei die hohe Deckentragelast des Speichers, die vor allem für die schweren Rollregale des Magazins notwendig sei, sagt Joachim Zeller. Die Frage, ob er sich hier nicht etwas weit ab vom Schuss fühle, hört er nicht gerne. Schließlich sei die Verkehrsanbindung hervorragend - die U-Bahn braucht nur 6 Minuten zum Zoo. Allerdings vermisst auch Zeller die Kontakte und kurzen Gespräche mit Kollegen auf dem Gang oder in der Kantine der Staatsbibliothek Unter den Linden. Auch die Infrastruktur lasse am Westhafen zu wünschen übrig: Die Kost im Casino ist dem Leiter der Zeitungsabteilung doch etwas "stramm". Seine Mitarbeiter lassen sich ihr Mittagessen von einer Großküche bringen. Für die Besucher des Lesesaals gibt es im kleinen Pausenraum einen Automaten mit Snacks. Anfangs hätten sich die Kolleginnen vor dem düsteren Hafenviertel gefürchtet, sagt der stellvertretende Leiter der Zeitungsabteilung, Alexander Fiebig. Inzwischen wollten die Beschäftigten aber gar nicht mehr zurück in die Haupthäuser an der Potsdamer Straße oder Unter den Linden. Der Baustellenlärm dort werde allmählich zur Belastung. Außerdem komme es im Westhafen nicht zu Situationen wie in der "neuen Stabi", wo die Leser die Ausgabestelle schon um neun Uhr morgens stürmen. Letztlich sei der Standort der Zeitungssammlung im Westhafen aber nur eine "Übergangslösung", sagt Zeller. Er rechnet damit, nach Beendigung der Bauarbeiten Unter den Linden in etwa zwölf Jahren wieder dort einziehen zu können. So weit mag man bei der Behala nicht denken. Der Betreiber des Westhafens findet die Zeitungssammlung im alten Getreidespeicher ideal untergebracht und sucht für die anderen denkmalgeschützten Speichergebäude im Westhafen ähnliche Mieter. Vor allem der alte Zollspeicher würde sich als Archiv eignen. Derzeit sind ohnehin nur zwei Etagen des Gebäudes vermietet. Wenn der Bau des neuen Containerterminals im Frühjahr nächsten Jahres fertig gestellt ist, wird der Zollspeicher von Land aus allerdings schwer zu erreichen sein. "Deshalb streben wir eine weniger verkehrsintensive Nutzung des Gebäudes an", sagt Behala-Vorstandsmitglied Herbert Kreis. Die Hafenverwaltung hat sich bereits vergeblich um die Ansiedlung des Landesarchivs bemüht und würde das Gebäude sogar auf eigene Kosten zum Aktenlager ausbauen. Durch die Nähe des Westhafens zum Reichstagsgebäude und zu den Ministerien wäre auch die Bundesregierung eine geeignete Kundin, so Kreis: "Ich hoffe doch, dass sie ihre Akten nicht in den teuren Neubauten einlagert." Als Drehort für Thriller ist der Westhafen übrigens immer noch beliebt. Heute sind es aber die Action-Krimis der privaten Fernsehsender, denen Hafen und Speicher als stimmungsvolle "Location" dienen. |
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