05. Dezember 2000

Volldampf voraus

In Tegel baute Claude Vasconi eine Lokfabrik um. Falk Jaeger überzeugte die erneuerte Hülle von acht Kinosälen, Restaurants und Warensortimenten auf 22 000 Quadratmetern.

Wo das flottierende Kapital strandet und sich in Beton, Stein und Glas konkretisiert, ist oft mehr dem Zufall der Begleitumstände als der weitsichtigen behördlichen Planung geschuldet. Weit über jeden prognostizierten Bedarf hinaus haben sich großflächige Einkaufszentren am Rande der Städte ausgebreitet, weil dort die Grundstücke billig und die Gemeinden willfährig waren. In den Städten selbst wird währenddessen jede halbwegs gelungene Investition fälschlicherweise als Leistung der Stadtpolitik gefeiert, doch Revitalisierung der Innenstadt findet auch hier nur statt, wenn Investoren-Spürnasen Schnäppchen wittern. Eine Initiative wie jene der Industrie- und Handelskammer Berlin, die versucht, neue Nutzungsmöglichkeiten für aufgelassene Industrieareale mit denkmalwürdigem Baubestand aufzuzeigen, bemüht sich deshalb nicht, der Fantasie der beamteten Planer auf die Sprünge zu helfen, sondern appelliert an das Engagement der privaten Investoren.

Borsig in Tegel zum Beispiel. 1894 hatte August Borsig im Zuge der zweiten Berliner Randwanderung der Industrie großzügige Flächen am Tegeler See erworben und dort seine Lokomotivfabrik aufgebaut. Bis 1992 wurde auf dem Standort produziert, dann zog sich Nachfolger Thyssen vom letzten Teil des Geländes zurück. In zwei Schritten übernahm Herlitz das Areal, errichtete hier seine Unternehmenszentrale sowie Werkshallen. Für die Entwicklung der "Restfläche", immerhin 15 Hektar eines mit langen Reihen von Maschinenhallen bestandenen Geländes, gründete Herlitz eine Grundstücksgesellschaft. Sie firmiert inzwischen mit neuen Eignern als RSE Projektmanagement AG.

Wahrzeichen und Namensgeber der "Hallen am Borsigturm" ist das erste Hochhaus Berlins, 1924 von Eugen Schmohl in einem verhaltenen Expressionismus erbaut. Von hier aus fällt der Blick auf die in Backsteingotik schwelgenden Giebelreihen der Borsighallen. Nach den städtebaulichen Visionen von Claude Vasconi entstand ein Einzelhandelszentrum mit 22 000 Quadratmetern Verkaufsfläche samt Parkhaus mit 1600 Stellplätzen, ein Gewerbe- und Innovationspark, ein Gründerzentrum, Büros, ein Hotel, 208 Wohnungen und neue Industriebauten.

Drei ganze und zwei halbe der knapp zwei Dutzend lang gestreckten Lokomotivhallen hat Vasconi als Denkmale erhalten und mit neuem Leben erfüllt, eine davon mit voll verglastem Dach als Erschließungsachse. Wo früher Dampfloks in die vielschiffige Kathedrale der Arbeit ein- und ausrollten, betritt das Publikum heute den Tempel des Konsums und findet alles, "was der Mensch zum Leben braucht", also Supermärkte und die bekannten Filialisten von Leiser bis Segafredo, internationale Gastronomie und Fast-Food-Läden sowie ein Health-Fitness-Studio, eine Bowlingbahn und eine Disco.

Quer über den Hallen schwebt wie ein fliegender Teppich das gläserne Dach. In der Mitte der Hallenreihe schwingt es sich besonders hoch und weit. Hier hat Vasconi das Giebelthema neu interpretiert, hat zwei alte durch einen breiteren, gläsernen Giebel mit ausladender Hutkrempe ersetzt und darunter das Foyer des Multiplexkinos "Cinestar" untergebracht. Einfach war es nicht, die neun Kinosäle in die alten Hallen zu integrieren und auch die Projektorräume so an einem gemeinsamen Gang zu platzieren, dass der Betreiber sie personalsparend bespielen kann. Ferner entstand ein gewisses Missverhältnis zwischen der recht auftrumpfenden Glasfassade und dem sich dahinter öffnenden schmalen Zugang zur Rolltreppe ins Kinofoyer. Dieser "Haupteingang" ist jedoch zweitrangig, da die meisten Besucher das Foyer vom Einkaufszentrum oder vom Parkhaus aus über den oberen Zugang betreten.

Für die innere Gestaltung des Kinos ist der Lübecker Architekt Thomas Tillmann verantwortlich. Er spielt mit dem Thema Industriearchitektur, schafft mit Stahl, satiniertem Glas und dunklem Industrie-Estrich trotz des Verzichts auf den obligatorischen Teppichboden eine fast vornehme Atmosphäre. Kein Pappmaché- und Spanplattenausbau versucht das Auge zu täuschen. Die Solidität der Innenarchitektur ist buchstäblich mit Händen zu greifen. Sie vermittelt ein Gefühl von Qualität, das in der heutigen Entertainmentarchitektur selten ist.

Die Bar, die sich kreisrund in das Foyer schiebt, heißt kurioserweise "Film-Eck". Zwei Schritte und man hat die hohe, weite Halle verlassen, fühlt sich in der intimeren Bar geborgen und behält trotzdem den Überblick - eine innenarchitektonische Meisterleistung. Die Höhe der Bar vermittelt auch zwischen der Halle und dem niederen Flur, von dem aus beiderseits die Kinosäle zugänglich sind. Hier zeigt sich wieder das subtile Spiel mit dem Thema "Borsig": Metallstreifen im Boden assoziieren Schienen, die Verkaufstresen für Cola und Popcorn sind aufgereiht wie einst die Eisenbahnwagen. All diese Reminiszenzen sind unaufdringlich eingesetzt, niemals rustikal oder nostalgisch; die Besucher werden kaum darüber nachsinnen, sondern sie nur atmosphärisch wahrnehmen. Auch wenn in einigen Sälen die Geschichte des Ortes unverschlüsselt ablesbar ist, dort wo der Architekt die Chance ergriffen hat, die alten Deckenkonstruktionen zur Wirkung zu bringen.

Verglichen mit den in Berlin gleich dutzendweise neu erbauten Kinozentren hat das Cinestar Tegel Charme und ein eigenes Gepräge. Es ist gelungen, das historische Ambiente zu nutzen, daraus Anregungen für eine unverwechselbare Gestaltung zu gewinnen und es nahtlos in eine kommerzielle Gesamtanlage einzubinden, die zur Wiederbelebung des Tegeler Zentrums beiträgt. Statt Dampfrössern bevölkern heute Käuferscharen und Vergnügungslustige die Anlage. Rauch und Dampf, Ruß und Lärm sind zwar aus den Hallen verbannt. Doch das Einkaufszentrum und das Großkino profitieren gleichermaßen von der immer noch eindrucksvollen Aura der Industriearchitektur.

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