| 09. April 2000
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SOS im flachen HäusermeerKeine Höhepunkte, keine Akzente: Die Liebe zur Traufhöhe hat Tradition in Berlin wie auch der Widerstand gegen Hochhäuser.Jörn PestlinAls Fürstbischof Ludwig 1785 das Kaffeetrinken als Privileg für Adlige, Kirchenleute und höhere Beamte reklamierte und diesen Genuss für das gemeine Volk unter Strafe stellte, protestierten die Einwohner von Paderborn mit einem großen öffentlichen Kaffeetrinken und Ludwigs Edikt war Makulatur. Gut 200 Jahre später machten die Berliner ihrem Unmut ganz ähnlich Luft. Ihnen wollte zwar niemand den Kaffee, dafür aber die hauptstädtische Kaffeehaus-Institution schlechthin nehmen: das Kranzler. Mit Solidaritätsbesuchen im Café protestierten sie gegen den geplanten Abriss. Dort, wo das Kranzler steht, wollte die Victoria Lebensversicherungs AG vom Chicagoer Architekten Helmut Jahn ihre neue Firmenzentrale bauen lassen. Das Unternehmen plante ein 20-stöckiges Hochhaus. Aber wie die Paderborner waren auch die Berliner Kaffeetrinker erfolgreich: Seit 1995 steht das Kranzler unter Denkmalschutz, und der Bauherr musste seine Pläne ändern. Der Protest der Berliner richtete sich nur zum Teil gegen den Abriss des traditionsreichen Cafés. Es ging auch gegen die Bebauung des Grundstücks mit einem für Charlottenburger Verhältnisse mächtigen Hochhaus. In den Augen vieler Gegner sprengte dieses Projekt die Dimension der gründerzeitlichen Stadtlandschaft. Aber auch das geänderte und mittlerweile weit gediehene Bauvorhaben hat mindestens so viele Gegner wie Befürworter. Nach Meinung der Charlottenburger Baustadträtin Beate Profé degradiert das riesige Jahn-Hochhaus das denkmalgeschützte Kranzler-Café zur Pförtnerloge". Ähnlich wie dem Victoria-Hochhaus erging es den ersten Bebauungsplänen für das Kantdreieck in unmittelbarer Nachbarschaft. Zwei 22- und 24-geschossige Türme scheiterten am beharrlichen Widerstand von Bezirkspolitikern, Architekten und Medien. Um mehr als die Hälfte stutzte der Protest die in die Höhe schießenden Fantasien von Stadtplanern und Investoren. Ein Bürohaus, zehn Etagen hoch, mehr blieb von den beiden projektierten Türmen nicht übrig. Nur die in der Sonne glänzende riesige Wetterfahne auf dem Dach des Kleihues-Baus vermittelt einen vagen Eindruck von den Dimensionen der ursprünglichen Entwürfe. Im Vergleich zum benachbarten Victoria-Hochhaus mit seinen 15 Etagen, dem geplanten Zoofenster oder dem ITAG-Projekt auf dem Breitscheidplatz beide mehr als 100 Meter hoch hinterlässt das Kantdreieck einen ambivalenten Eindruck. Weder ist es mit seinen 36 Metern ein richtiges Hochhaus", noch passt es sich der traditionellen Berliner Traufhöhe an. Widerstände bei der Überwindung dieses Maßes haben in Berlin Tradition. Schon bevor überhaupt die ersten Hochhäuser in Deutschland zu Beginn der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden, liefen die Gegner Sturm gegen die Träume von Investoren, Bauherren und Architekten. Bei aller Hochhausbegeisterung: Die Front der Ablehnung war mindestens genauso stark. Aber gerade in dieser Renitenz gegen Hochhäuser sah Bruno Taut 1929 eine Stärke Berlins im Vergleich zu vielen Provinzstädten. Die tauschten nämlich nach Auffassung des Schöpfers der Hufeisensiedlung in der Begeisterung für Wolkenkratzer ihre architektonische Einzigartigkeit leichtfertig gegen einen amerikanischen Anzug" ein. So amerikanisch konfektioniert, wie Taut sie beschrieb, war die deutsches Provinz 1929 aber nicht. Das Prädikat Wolkenkratzer verdiente in den zwanziger Jahren in Deutschland kein Gebäude selbst wenn es in jenen Jahren noch keine Einigung über die Mindesthöhe solcher Bauten gab. Heute haben sich Architekten und Bauingenieure darauf verständigt, Häuser mit einer Höhe von mindestens 99 Metern als Wolkenkratzer zu bezeichnen. So hohe Büro- oder gar Wohnhäuser baute vor 70 Jahren niemand in Deutschland. In Berlin überschreiten selbst am Anfang des 21. Jahrhunderts nur eine Handvoll Gebäude die magische Grenze. Die Überwindung der traditionellen Traufhöhe vollzog sich zu Tauts Zeit meist in kleinen Schritten und weniger in Chicagoer oder New Yorker Dimensionen. Mehr als sechs oder sieben Etagen hatten die meisten Hochhäuser" nicht. Den deutschen und europäischen Höhenrekord ausgehend von der Geschosszahl hielt bis zum Ende der zwanziger Jahre das Hansa-Hochhaus" in Köln. Das zwischen 1924 und 1925 gebaute Bürohaus erreichte bei 17 Geschossen eine Höhe von 65 Metern. Den vierten Platz in dieser Rangliste belegte der mit nur elf Etagen ebenso hohe Büroturm der Borsig AG in Berlin-Tegel gleichauf mit zwei Gebäuden in Düsseldorf. Bei elf Geschossen stieg die Gebäudezahl deutschlandweit auf zwölf an. Die relativ hohe Zahl lässt vermuten, dass Bauherren und Investoren mit dieser Geschosszahl nicht nur ein Maximum an Rentabilität, sondern auch die Toleranzgrenze bei den Genehmigungsbehörden erreicht hatten. Bevor es aber überhaupt so weit war, dass die Ämter eine Überschreitung der traditionellen Traufhöhe gestatteten in den meisten Großstädten lag diese bei fünf Geschossen , hatte die Hochhauslobby viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Zwar verfolgten alle Fürsprecher ein gemeinsames Ziel, die Motive für ihr Engagement waren aber recht unterschiedlich. So stellte die Stahlindustrie schon 1904 bei der preußischen Regierung den Antrag, Hochhäuser nach amerikanischem Vorbild mit einem Tragwerk aus Stahl zu genehmigen. Die Stahlbarone argumentierten, mit dieser Bauweise könnten Wohnungsnot und Bodenspekulation beseitigt werden. In erster Linie ging es ihnen allerdings um eine Absatzerhöhung. Die Gewinnmaximierung der Branche konnte aber nach Auffassung des zuständigen Ministers die Nachteile von Hochhäusern, namentlich die Verschattung anderer Gebäude und die Risiken bei Bränden, nicht ausgleichen. In den Folgejahren entwickelte sich Berlin zum Zentrum der Diskussion um eine Anhebung der Traufhöhe. Geschäftsleute forderten, innerstädtische Grundstücke höher bebauen oder vorhandene Gebäude aufstocken zu dürfen: höhere Häuser, höhere Rendite. Mit dem heute genauso gültigen Hinweis, dass es in Berlin reichlich leer stehende Büroräume gebe, lehnten Behörden und Politik solche Forderungen aber ab. Doch nicht nur Industrielle, Immobilienbesitzer und Spekulanten, auch Architekten und Stadtplaner begeisterten sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg für Hochhäuser. Sie reizte vor allem die monumentale und weltstädtische Bauaufgabe. 1910 forderten Vertreter der Zunft in verschiedenen Beiträgen zum städtebaulichen Ideenwettbewerb Groß-Berlin" eine generelle Höherzonung ganzer Innenstadtbereiche. Diese Forderung traf den Nerv der Zeit. Im Kaiserreich herrschte ein Klima der Technikbegeisterung. Am Himmel kreisten Zeppeline und Flugzeuge, durch den Bauch der Stadt donnerten Untergrundbahnen. Die Menschen waren fasziniert vom Fortschritt. Er vermittelte das Gefühl: Alles ist möglich, alles ist machbar. Und trotzdem scheiterte zu diesem Zeitpunkt eine Änderung der Bauordnung zugunsten von Hochhäusern an den Vorbehalten der Feuerpolizei. Der Pragmatismus der Behörden war stärker als alle Argumente und Begeisterung der Lobby. Turmhäuser als vertikale Akzente in einer modernen Stadt: Nicht nur der Architekt Bruno Möhring vermisste sie. 1920 stellte er bei einem Blick vom Kreuzbergdenkmal fest, dass Berlin eine Steinwüste" sei, eine flache Stadt, ein träges Häusermeer, aus dem hier und da spitze Kirchtürmlein herausragen". Nur die Bahnhofshallen, Rathaustürme und Kuppeln von Dom, Schloss und Reichstag taugten als wegweisende Bojen" in der Eintönigkeit. Sein Resümee: Unserer Stadt fehlt eine Stadtkrone." Im Unterschied zu seinem Schüler Bruno Taut sah Möhring im Bau von Hochhäusern weder charakterliche Schwäche noch Zugeständnis an eine Mode, sondern einen Zug von Entschiedenheit und Willensstärke". Wie die von Möhring vermisste Stadtkrone aussehen könnte, demonstrierten Architekten Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts in zahllosen Entwürfen für Solitäre wie für ganze Hochhausviertel. Nicht nur die in der Weimarer Republik zahlreich existierenden Architektur- und Bauzeitschriften, auch illustrierte Zeitungen druckten die gezeichneten Ideen ab und sorgten so für großes öffentliches Echo. In den Artikeln der Tagespresse nahm diese Euphorie pathologische Züge an: Von Hochhausfieber" war da zu lesen und auch von einer Turmhausepidemie". Der so genannte Hochhausdispens", ein ministerieller Erlass vom 3. Januar 1921, beflügelte Hoffnungen und Fantasien der Kämpfer gegen die traditionelle Traufhöhe zusätzlich. Der für Fragen der Bauordnung zuständige Wohlfahrtsminister gab mit diesem Erlass grünes Licht für den Bau von Hochhäusern zumindest theoretisch. Praktisch sah es so aus, dass die örtlichen Behörden zwar vielgeschossige Häuser für Geschäfts- und Verwaltungszwecke" genehmigen durften aber nur in Ausnahmefällen. Denn die Bedenken, dass derartige Hochbauten die Nachbarschaft durch Lichtentziehung schädigen, namentlich aber den Verkehr stören und das Stadtbild künstlerisch beeinträchtigen können", wogen immer noch schwer in den Augen der Regierung. Trotz aller Vorbehalte sah der Minister aber auch die Chance, mit dem Hochhausbau den nach dem Ersten Weltkrieg herrschenden Mangel an Büroräumen und Wohnungen zu lindern und die Bauwirtschaft zu beleben. Obwohl es eine Reihe konkreter Pläne gab, ließ auch dieser Erlass die Hochhäuser nicht wie Pilze aus dem Berliner Boden schießen. Wie kommt es", fragte die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ) im August 1921, dass man nichts von ihrer Ausführung hört oder sieht? Verhindert sie die Berliner Baupolizei?" Dies konnte der Autor verneinen, stattdessen sah er die Gründe für die unerfüllten Hochhausträume in fehlendem Kapital, kaum vorhandenen geeigneten Grundstücken und der mangelnden Rentabilität solcher Objekte. Folgenlos blieb der Erlass trotzdem nicht. Statt Hochhäuser zu bauen, stockten Berliner Banken, Verlage und Kaufhäuser ihre Immobilien um einige Etagen auf. Der Hochhausdispens funktionierte in erster Linie als Aufstockungsdispens. Die von vielen Architekten gezeichneten spektakulären und die Öffentlichkeit euphorisierenden Wolkenkratzer mit 15, 30 oder gar 50 Geschossen blieben dagegen papierene Visionen. Denn sie gingen an den Bedürfnissen der Zeit vorbei. Außerdem überforderten sie die von Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges, von Inflation und Weltwirtschaftkrise arg gebeutelte Wirtschaft. Aber selbst im Idealfall, selbst wenn das ökonomische Umfeld stimmte, bedeutete dies noch nicht, dass Unternehmer ohne Probleme ihre Hochhäuser bauen durften. Zwar verhielt sich die Berliner Baupolizei mittlerweile grundsätzlich wohlwollend gegenüber solchen Projekten. Das schrieb zumindest 1921 die DAZ. Doch die Genehmigungsbürokratie forderte von den Bauherren viel Zeit und Durchhaltevermögen. Im Falle des Europahauses" an den Prinz-Albrecht-Gärten dauerte der Weg durch alle Instanzen bis zum endgültigen Baubeginn 1927 zwei Jahre, erforderte 400 Konferenzen und beschäftigte 25 Dienststellen. Für die Baugenehmigung des Shell-Hauses" mussten der Bauherr und sein Architekt Emil Fahrenkamp 324-mal bei den Behörden vorstellig werden. Wer in den Berliner Himmel bauen wollte, brauchte damals Geduld. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. |
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