15. Dezember 1999

Reise ins Innere der Erde

Thomas Findeiß' nächtliche Fahrt durch die Tiefenschichten Berlins: versunkene Frachter, Gotham-City und die Keller der Jeunesse dorée

VON THOMAS FINDEIß

Den besten Eindruck einer Stadt bekommt, wer sich nachts in ein Auto setzt und ziellos umherfährt. Vielleicht ist am Tag nicht mehr wiederzufinden, was in der Nacht zu sehen war. So ist es mit den Träumen auch: Die, von denen man nichts weiß, müssen noch lange nicht ungeträumt sein.

Sigmund Freud verglich seine Methode der Traumdeutung einmal mit der Arbeit eines Archäologen in Rom: Er stößt immer wieder auf tiefer liegende Schichten, und jede von ihnen repräsentiert eine eigene, versunkene Zeit. Eine Stadt ist wie ein langer, wilder, kollektiver Traum - und die Lebenden sind die einzigen, die an diesem Traumgeschehen gerade noch aktiv beteiligt sind. Bei einem Querschnitt durch die Tiefenschichten wird sichtbar, wie diejenigen, die längst nicht mehr träumen können, leben wollten. Und wie sie stattdessen leben mussten. Und was am Ende ihrer Zeit davon übrig blieb. Berlin ist lange nicht so alt wie die Stadt am Tiber. Aber die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Stadt zu einem ebensolchen Trümmerfeld gemacht. Nur, die Relikte liegen weniger vertikal übereinander geschichtet als eher horizontal nebeneinander.

Wir biegen also am Ernst-Reuter-Platz ab, hinein in die große, schnurgerade Straße des 17. Juni. Richtung Osten. An der Siegessäule vorbei, dann rechts ab, durch das Zentrum der Hochkultur hindurch: Philharmonie und Staatsbibliothek ragen wie riesige Fragmente fantastischer, halb untergegangener Ozeandampfer aus dem hart getretenen Grund der ausradierten Berliner Mitte heraus. Nun führt der Weg vorbei an der neuen Nationalgalerie, die auf Geist und Organismus wie ein Alka Seltzer wirkt, zum südlichen Teil des Potsdamer Platzes: Gotham-City. Abenteuerlich düster, mystisch fast, mit seinen funkelnden Trabanten, wie von Möbelpackern zum Abtransport bereitgestellt.

Australische Aborigines sitzen manchmal mitten in Supermärkten am Boden, dort, wo ein alter magischer Ort ihrer Vorfahren war. Berliner Jugendliche bewegen sich heute schon in der Vorstellung zukünftiger Zivilisationsruinen, die vielleicht Kultstätten des 21. Jahrhunderts sein werden, so wie es jetzt stillgelegte Elektrizitätswerke und aufgelassene Luftschutzbunker sind.

Weiter Richtung Kreuzberg, die Hochbahn entlang - French Connection - man fühlt sich tatsächlich ein wenig wie in New York. Hier könnte man bleiben. Aber wir sind schon auf dem Weg zum Paradox der Leipziger Straße, wo durch die Negation aller westlich-individualistischer Architektonik der Eindruck echter Urbanität entsteht. Über den Alexanderplatz mit seinen großen Videowänden. Wären da mehr Leute und ein paar fliegende Untertassen, könnte Blade Runner hier seinen Auftrag erfüllen. Und schließlich - wie vorausgesehen: Berlin-Mitte.

Da gibt es zum Beispiel ein Lokal mit einem Namen, das auf die altgriechische Stilfigur des Oxymoron zurückgreift. Sie bringt eine Verbindung zweier sich eigentlich ausschließender Begriffe unter einen Hut. Kein Widerspruch in sich ist es aber, dass man dort ebenso gute Drinks gemixt bekommen kann wie in einer anderen Bar am Lützowplatz, in der ein großes Porträt von Mao Tse-tung hängt. Der altgriechische Name dieses Lokals in den Hackeschen Höfen ist Programm. Er ist auch symptomatisch für das, was man früher einmal postmodern genannt hat. In den zwanziger Jahren ein marokkanisches Restaurant - davon ist noch die orientalische Stuckatur übrig -, schlägt man dort jetzt drei Fliegen mit einer Klappe. Das Kern- und Hauptstück ist ein gediegenes Restaurant, ausstaffiert mit Sofas, Sesseln, Spiegeln und Drapagen. Sogar eine Kanzel wie in einem De Sadeschen Boudoir gibt es; und eine lange, leicht geschwungene Bar, von der aus man das überwiegend moderate bürgerliche Publikum beobachten kann - wie es auf seine abendlichen Kosten kommt. Dort geht man hin, wenn man bei Kerzenlicht ein Business oder sich selbst feiern will.

Im Hinterzimmer gibt es aber einen "Club" für das jüngere Publikum, das den Kontakt zum Mutterschiff nicht missen möchte. Dort ist die Musik allerdings zu laut für lange Gespräche, und in der Lichtdramaturgie der siebziger Jahre dringt der Geruch der Körper manchmal durch das Containment synthetischer Düfte. Im Keller dann schließlich: das Trash-und-Party-Biotop für die noch Jüngeren, die mit den beiden anderen Klassen eigentlich gar nicht viel zu tun haben wollen. Deswegen ist dort die Musik noch lauter, und die Rauchschwaden sind noch dichter, und auf den Matratzen oder Sperrmüllsesseln liegt die Jeunesse dorée des anbrechenden Jahrhunderts. Sie verachtet jeden falschen Luxus und verschwindet lieber pärchenweise in der Toilette.

Diese Schichtung frappiert den Archäologen, denn die geologisch älteste Schicht liegt oben. Die wochenendlichen Touristen, die wie Fischschwärme an diesem Riff vorbeiziehen, bemerken in ihrer unvermeidlichen Ignoranz meist gar nicht, was für ein Inzest sich vor ihren Augen abspielt. Solche Lokale sind perfekt funktionierende Maschinen mit einer ausgeklügelten Logistik. Im richtigen Moment am richtigen Ort eröffnet, sind sie das, was man in einem Gespräch "gewitzt" nennt. Im richtigen Moment wird das Licht gedimmt, und man bestellt noch einen Drink, obwohl man eigentlich gehen wollte.

Später dann versucht man durch das Verkehrschaos über den Hackeschen Markt zu kommen und findet sich im Szenario eines Fritz-Lang-Films: Blaue Lichtblitze werfen lange groteske Schatten über die wankenden Hauswände; sie schießen aus den Schweißgeräten der Männer, die wie Angestellte der Hölle in kleinen beweglichen Kisten über die Straßenbahnschienen gebeugt sitzen. Rauchschwaden wehen von dort über den Strom der Passanten, die sich, ein wahres Gerücht, ehrenvoll illuminiert fühlen können.

Das wirkt auf das Unterbewußtsein. Schwer zu sagen, wie tief. Aber irgendwann wird man das alles so auf Hochglanz poliert haben, dass niemand mehr, wenn er eigentlich nach Hause möchte, einen Thrill verspürt und in diesem nächtlichen Lichtgewitter in einer anderen Bar verschwindet. Barbesitzer und Kneipiers kennen die unwägbaren Wallungen des Szenepublikums und sind schon froh, wenn sie eine Stammkundschaft halten können.

Architekten scheinen sich kaum um diese zu scheren. Sie sind nach dem Richtfest nicht mehr zur Verantwortung zu ziehen. Sie spielen das Spiel eben nie zu Ende. Sie können genauso wenig wie irgendjemand sonst voraussagen, was die Menschen am Ende akzeptieren - und was nicht; aber die Menschen müssen sich bei dem rasanten Tempo des Aufbauprozesses damit abfinden, in kürzester Zeit vor vollendeten Tatsachen zu stehen - während der Architekt sich bereits in den nächsten lukrativen Wettbewerb stürzt.

Städte zitieren sich wechselseitig wie Menschen. Aber manche Städte sind eben nicht WIE ..., sondern SO, wie sie wirklich sind. Eine Stadt ist niemals nur die Kopie einer anderen Stadt; Kopisten sind immer nur ihre Baumeister. Die Berliner Taxen sind eierschalenfarben, ihre Fahrer, nicht unfreundlicher als die in New York, entstammen dem gleichen Völkergemisch. Der Fahrer aus Rudow entlässt mich vor der Bar "Würgeengel" in Kreuzberg, wo auf den ehemals besetzten Häusern keine Politparolen mehr prangen, sondern Sonnenkollektoren.

Thomas Findeiß, geboren 1958, ist Schriftsteller in Berlin. Im Verlag Volk & Welt erschienen die Romane "Holy Days" (1997) und "Die Heimat der Schneestürme (1999).

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