15. Dezember 1999


Bauen für den Leib - für Lust und Leid

Nike baut Kathedralen, sie feiern mit ruppigen Blondinen den Sportkult - in Hamanns Schokotempel steht die Zeit still

VON RALF SCHÖNBALL

Die Trommel Wirbelt. Aufmarsch. Tausend Hände schlagen den Rhythmus, tausend Kehlen jubeln. Ein Blitz erhellt das schummrige Kirchenschiff. Rotes, blaues Licht durchdringt den Raum. "Darf ich fragen, was Sie hier machen", faucht mich eine Blondine an. "Wir schreiben einen Artikel über den Nike-Shop", antworte ich verunsichert über den Kommisston. "Wie ist Ihr Name?", setzt sie nach. Ärger wirft Falten in ihr Gesicht und verrät, was das jugendlich getrimmte Äußere eigentlich verbergen soll: Auch Nike-Town "Marketing-Managerin" Ines Ruprecht altert, obwohl sie gewiss, wie die meisten Angestellten, Sportlerin ist - das sagt die Werbung.

"Beim ersten Mal bleiben die Besucher im Schnitt gut eine halbe Stunde", sagt der für Deutschland zuständige Marketing-Chef von Nike, Hubertus Hoyt. Vorausgesetzt, sie verhalten sich, wie es das Personal verlangt: Sie versinken in der bunten Warenwelt, mit deren Hersteller die griechische Siegesgöttin Nike einen Sponsoring-Vertrag schloss. Wer mit Kugelschreiber und Block auf der Galerie Eindrücke sammelt wie ich, den verweist die stämmige Deutsche ihres Sperrgebietes.

Nein, von Sakralbauten sei der Innenausbau nicht inspiriert, versichert Hoyt. Das Haus sei einem Marktplatz nachempfunden. Zweifelhaft. Die griechische "Agora" war die Geburtsstätte der Demokratie. In der Nike-Town dagegen geht es ums Markenimage. "Wählen" soll der Käufer immer nur die eine Marke, aber immerhin aus Produkten für verschiedene Sportarten: Im WM-Jahr Fußballschuhe, zum Saisonauftakt Basketbälle, Golfmützen und Laufschuhe das ganze Jahr.

Sportarten sind "Themen", und sie füllen die kleinen Nischen. "Boutiquen" nennt das Hoyt. Aber man darf sie getrost mit Chorräumen oder Kapellen in christlichen Kirchen vergleichen, nur dass die Altäre heute Bilder von Pete Sampras oder Tommy Haas zieren.

Auch der Kreuzweg fehlt nicht. Bilder verzerrter Gesichter gegen sich selbst kämpfender Unbekannter wechseln sich mit Aufnahmen siegreicher Einläufe berühmter Sprinter und Torschüssen brasilianischer Ballkünstler ab. Erst das Leid, dann die Auferstehung - das Himmelreich auf Erden: Ruhm und viel Geld.

Dazu brachten es die Nike-Erfinder: Läufer Phil Knight und Trainer Bill Bowerman. Vor gerade 25 Jahren gründeten sie ihr Geschäft, das heute zu den erfolgreichen der Branche zählt. Nike-Towns sind Teil des Konzeptes und erfüllen, so Hoyt, dieselbe Funk-tion wie die Boutiquen der Modehersteller. Dort erwirbt der Käufer Image - und zahlt dafür extra, er zahlt für die Botschaft: Das Firmenlogo auf dem Industrieprodukt ähnelt dem Rangabzeichen auf der Uniform, es signalisiert Kaufkraft und stiftet Identität.

Während in Nike-Town Jugendliche und solche, die davon träumen, es zu bleiben, den Bildern von Triumphen nachhängen, umschmeichelt Hamann in dritter Generation mit flüchtigen Genüssen den Gaumen: Schokolade. "Erich Hamann öffnete 1912 einen Obst- und Gemüseladen, im Hinterzimmer machte der gelernte Konditor Pralinen." Das notierte ich in meinem Block, und wie in einem Kinderheft hinterließen meine Finger auf der weißen Seite braune Flecken von den Pralinen, die mir Andreas Hamann reichte, während er die Familiengeschichte aus Sicht der dritten Generation erzählte.

Auf der Höhe des Erfolges brachte es Opa Erich in den 20er Jahren zu sieben Läden, darunter einen am Ku'damm und einer in der Straße Unter den Linden. Heute gibt es nur noch ein Geschäft an der Brandenburgischen Straße 17. "Fabrikverkauf" gleichsam, denn das Gebäude von Johannes Itten, 1927 im Bauhausstil errichtet, ist ein typisches Berliner Wohn- und Geschäftshaus: Büros im Erdgeschoss, zwei Etagen "Produktion" und darüber Wohnungen.

In den weiß gekachelten Räumen presst ein Konditor dunkle Füllung aus der Bäckertüte in die "Hohlkörper" der Praline. Ein anderer legt Walnüsse auf die kugelrunden Süßigkeiten. Kaum zu glauben, dass diese sieben Mitarbeiter Jahr für Jahr 35 Tonnen Schokolade herstellen: Pralinen, Tafelware - und Borkenstücke, eine Sucht, die ich meinem Kollegen Pestlin zu verdanken habe. Die Schokoladenmasse bezieht Hamann aus Belgien, wo eine Fabrik sie nach Rezept des Hauses aus Kakao herstellt. Nicht aus der Schweiz? "Nein, wegen der Qualität", sagt Hamann. Bei Massenware verwendeten die Eidgenossen sogar Sojabutter. Der gern auch genetisch bearbeitete Rohstoff ist hierzulande noch verboten. Weil Soja sehr billig ist, setzen Multis wie Nestlé ihn zur Gewinnmaximierung bei der Herstellung von großen Mengen ein.

Nach schweren Jahren 1997/98 laufe es ganz gut, sagt Hamann. Auch Nike-Town läuft an diesem Sonnabend gut. Und ich laufe morgen früh. Damit Hamanns Pralinen nicht ansetzen. Aber nicht in Schuhen von Nike. Obwohl ich die eigentlich mal ausprobieren wollte - bevor mir die Blondine mit dem Komisston über den Weg lief.

NIKE-TOWN. Tauentzien 7b; 3500 qm Verkaufsfläche auf zwei Geschossen; 4400 qm Büro (rund 38 DM/qm) und 10 Wohnungen (30 DM nettokalt, 6 DM Nebenkosten); Bauherr: Investa.

HAMANN KG. Brandenburgische Str. 17; 1927 von Bauhaus-Mitglied Johannes Itten auf 1000 qm geplant; acht Wohnungen (Vorderhaus), 60 qm Laden und rund 500 qm Produktionsfläche (Seitenflügel).

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