| 09. April 2000
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Verlorener GlanzFontane ließ Rangsdorf auf seinen Wanderungen links liegen. Anders die Prominenz der Vorkriegsjahre. Heute sucht der Ort Anschluss ans Gestern.Katrin Aldag-GendnerDie Straße: Bis zum Tempelhofer Damm und dann immer geradeaus, auf der B 96 nach Süden. Bei Tempo 50 schwappt die grüne Welle, ein einziger Stopp bis zur Stadtgrenze. Brandenburg empfängt mit Wiesen. Die Dörfer: In Glasow an der Tankstelle kostet der Liter Super heute vier Pfennig weniger als in Berlin. Dahlewitz zeigt am Ortsrand Bauhofcharakter, besitzt eine Großbäckerei mit Werksverkauf und viele alte Häuser mit großen Gärten. Hier wohnte Baumeister Bruno Taut in der Wiesenstraße, die im Wald endet. Schließlich das Ziel, 35 Minuten nach dem Start in Berlin-Wilmersdorf. Gleich südlich des Berliner Rings schmiegen sich rechts von der Bundesstraße die ersten Häuser von Rangsdorf in den hügeligen Wald. Hölzerne Datschen, schlichte Steinhäuser mehr Ferienkolonie als richtiger Ort. Hinter der höchsten Hügelkuppe: Felder der Ort macht schon wieder Pause. So richtig angekommen ist der Rangsdorf-Reisende erst, wenn die Bahnstrecke Berlin-Dresden überwunden ist. Das ist nicht immer einfach, Schranken riegeln oft bis zu 20 Minuten den Rest der Welt ab. Dahinter dann die reine Ruhe Winterstille bis hinunter an den See. Durchgangsverkehr gibt es hier nicht. Die Eckdaten seiner Existenz trägt das alte Fischerdorf im Wappen: drei Fische, eine Kiefer. Ob dieses Verhältnis zueinander der Realität entspricht, entzieht sich der Überprüfbarkeit die Blicktiefe ins Seewasser ist so gering, dass Fische nicht zu sichten sind. Immer und überall präsent sind dafür die Bäume. Dazwischen verteilen sich Häuser und Villen, Neu- und Altbauten verschiedens-ter Stile über Rangsdorfs Hügel. Aber auch Zerfallenes. Im Herzen des Dorfes prallen die Gegensätze schroff aufeinander: Auf dem Dorfanger leuchtet in warmem Ocker die restaurierte Kirche, eingerahmt von liebevoll sanierten Bauernbutzen gegenüber verfällt das Gutshaus. Von den Stallungen blieben nur Ruinen, nackte Dachsparren ragen in den Winterhimmel. Zu Rangsdorfs bester Zeit sah das anders aus. Sie begann vor gut 80 Jahren, als man das Gutsgelände parzellierte. Das Dorf veränderte sich, 25 Kilometer von Berlins Mitte entfernt entstand eine stille und feine Villenlage mit Kurortcharakter. Ein Ortsteil beschwört mit seinem Namen noch heute Ferienatmosphäre herauf: Klein-Venedig, so genannt wegen der Kanäle, mit denen die Grundstücke Verbindung zum See halten. Bis in die 40er Jahre hinein war das Dorf eines der beliebtesten Ausflugsziele der Berliner. An schönen Tagen kamen Tausende mit der S-Bahn, die noch bis 1961 zur Endstation Rangsdorf fuhr. Geschäfte und Cafés säumten den Bummel-Kilometer namens Seebadallee zwischen Bahnhof und Badestrand. Rangsdorf wurde prominent: Heinz Rühmann parkte seine Privatmaschine auf dem Sportflugplatz, Beate Uhse perfektionierte dort ihre Flugkunst. Im Casino unten am See traten Lale Andersen und Hans Albers auf. Und kam Heinrich Mann in Liebesdingen nach Rangsdorf hinaus, wohnte er im mittlerweile abgerissenen Rangsdorfer Hof³. Doch nicht nur für Heiteres steht der Name Rangsdorf: 1935 ordnete Reichsluftfahrtminister Göring den Bau des Flughafens an, der bis 1939 Eldorado der Sportflieger war. Die Bücker-Werke fertigten hier von 1935 bis 1945 Flugzeuge, in den letzten fünf Kriegsjahren nutzte die Luftwaffe Rangsdorf als Fliegerhorst. Von hier startete Graf Stauffenberg im Juli 1944 zur Wolfsschanze, die Bombe in der Aktentasche. Hier landete er auch wieder, noch im Glauben an den Erfolg des Attentats auf Hitler. Fast zuviel Vergangenheit für ein Dorf dieser Größenordnung. Am alten Glanz anzuknüpfen, das ist das ehrgeizige Ziel der Gemeinde. Wir sind von der Natur reich beschenkt. Wir haben alle Möglichkeiten, ein Vorzeigeort zu sein³, sagt Bürgermeister Peter Gleich (CDU), seit einem Jahr im Amt. Und: Wir können nicht nur den Notstand verwalten, dann machen wir den Ort kaputt.³ Aber der Notstand regiert in Rangsdorf. Die Gemeinde, die über keine nennenswerten Gewerbesteuereinnahmen verfügt, ist praktisch pleite. Ursache dafür sind die Umlageforderungen des mit 150 Millionen Mark am höchsten verschuldeten Wasser- und Abwasserzweckverbands Brandenburgs. Neun Millionen Mark davon soll die Gemeinde zahlen. Dagegen klagt sie mit dem Ziel, eine Drittelung oder Viertelung der Schulden sowie langfristige Abzahlungsbedingungen zu erreichen. Dann hätten wir eine Chance³, sagt der Bürgermeister. Dann könne sich die Gemeinde wohl auch irgendwann einen großen Wunsch erfüllen: die Bahnunterführung am Anfang der Seebadallee. Notlagen gibt es auch an anderen Stellen. So nahm Rangsdorf nach der Wende nicht eine Mark Fördermittel auf mit dem Ergebnis, dass das Tiefbauamt bis heute nur einen einzigen Kilometer Straße reparierte. Der große Rest meist Holperpiste. Oder das Problem mit dem See. Das Baden verbot das Gesundheitsamt des Landkreises Teltow-Fläming. Nicht wegen irgendwelcher Verunreinigungen, sondern wegen der mangelnden Blicktiefe. Die EG-Norm liegt bei einem Meter, hier lässt der Schlamm gerade noch 20 Zentimeter zu. Keine Chance für Rettungsschwimmer. Wenn die Zukunft mehr als Fischen im Trüben bringen soll, sind Investitionen notwendig. Doch dafür fehlt das Geld. Von all dem lassen sich aber weder Investoren noch private Bauherren abschrecken. Auf eine Weise prosperiert Rangsdorf: Bauanträge zu unterschreiben ist für Bürgermeister Gleich tägliche Routine. Ein Quadratmeter des knappen Baulandes direkt am See kostet bis zu 400 Mark; Richtung Osten, an der Bahnstrecke und an der B 96, sinken die Preise auf 120 Mark. Überall im Dorf gibt es Baustellen, auf größeren Freiflächen entstehen Wohnanlagen. Auf 700 addiert sich die Zahl der seit 1990 neu gebauten Wohneinheiten, die Zahl der Einwohner stieg um 1520 auf heute 6700. Wir haben uns jetzt einen Selbstbindungsbeschluss auferlegt, damit wir nicht zu schnell wachsen³, berichtet der Bürgermeister: Bis 2005 darf sich die Gemeinde auf 9000 Einwohner vergrößern, erst nach 2010 die Höchstgrenze von 12 000 erreichen. Das Ziel der Maßnahme: Rangsdorf soll seinen Charakter nicht zu sehr verändern. Schließlich waren Ruhe und Grün für viele Neubürger ausschlaggebend für den Umzug. Zumal Ruhe hier nicht Langeweile bedeutet: So gibt es 35 Vereine, ein Golfplatz liegt ganz in der Nähe, und der See glänzt winters als Eissegelquartier erster Güte und sommers als Segelrevier. Rund 300 der Zugezogenen leben im Wohnpark See-Enden. Nordisch wie der hier dominierende rote Klinker sind auch die Namen: Bremen und Hamburg, Lübeck, Rostock und Bremerhaven heißen die Doppel- und Reihenhäuser der See-Enden Rangsdorf Wohnbauten GmbH³. Bei uns gibt es keinen unzufriedenen Kunden, wir hatten nicht einen Bauprozess³: Geschäftsführer Ralf Girra schwört auf die Qualität seiner Anlage. Die günstigste Doppelhaushälfte massiv gebaut, 110 Quadratmeter Wohnfläche, 300 Quadratmeter Grundstück kostet hier komplett mit Teppich, Küche, Stellplatz und Terrasse 390 000 Mark. Nach oben hin ist die Preisliste offen. Zehn Haustypen bietet die See-Enden, Variationen in Größe und Grundriss sind möglich. 97 Einheiten entstanden hier bislang gebaut und verkauft, dazu ein Mehrfamilienhaus mit Eigentumswohnungen. Rangsdorf hat optimale Voraussetzungen³, glaubt Girra. Also baut er weiter, an der Lindenallee. Ein kleineres Projekt, dafür etwas näher am See. In der Nähe der See-Enden liegen die 33 Stadtvillen des Seeparks wie hingewürfelt auf der Wiese. Gelber Putz trifft gelben Klinker, die kleinen, neu angepflanzten Bäume erinnern in der waldigen Umgebung ein wenig an Bonsais. 265 Wohnungen, in Stille eingehüllt was auch daran liegt, dass viele noch leer stehen. Bezugsfertig war der zweite Bauabschnitt im vergangenen Sommer, einen Teil der Wohnungen haben Anleger gekauft. Wir haben 242 Wohnungen im Bestand, 179 davon sind vermietet³, sagt Uwe Krien, Leiter Objektankauf und Bestandsmanagement der Berliner Renta Domo GmbH. In den Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen glänzt Parkett in Schiffsbodenqualität, die Bäder sind raumhoch mit Marmor gefliest. Jede Wohnung besitzt Balkon oder Terrasse. Die Kaltmieten im Seepark liegen bei zwölf bis 13 Mark plus vier Mark Betriebs- und Heizkostenvorauszahlung pro Quadratmeter. Der Platz in der Tiefgarage kostet 75 Mark im Monat. Viele Vorzüge sieht Krien in Rangsdorf: Die Regionalbahn fährt durch bis zum Bahnhof Zoo. Der Ort hat einen direkten Anschluss an den Berliner Ring (A 10). Die Einkaufsmöglichkeiten sind gut: Das Südring-Center³ liegt an der B 96 gleich dem Rangsdorfer Ortsschild gegenüber. In der Seebadallee gibt es Läden, die den täglichen Bedarf abdecken wichtig für Menschen, die nicht alles mit dem Auto erledigen möchten. Der Joker für Krien ist der Ortscharakter: In Rangsdorf gibt es keine Wohnanlagen auf der grünen Wiese, sie liegen in gewachsenen Strukturen.³ Abseits dieser gewachsenen Strukturen gibt es noch ein echtes Sorgenkind der Gemeinde, mit dem es jetzt aber aufwärts zu gehen scheint: Auf dem Gelände der Bücker-Werke sowie dem angrenzenden Flugplatz, nach dem Krieg bis 1994 von russischen Streitkräften genutzt, arbeitet seit vergangenem Herbst die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, unterstützt vom Land Brandenburg und der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Auf einer 4,3 Hektar großen Teilfläche des insgesamt 173 Hektar großen Geländes Rangsdorf-Südwest saniert sie die Bücker-Villa, mehrere Reihenhäuser und andere Gebäude aus den 30er Jahren allesamt in trostlosem Zustand sowie zwei Wohngebäude aus den 60er Jahren. 110 Wohnungen entstehen, mit Nettokaltmieten je nach Förderweg zwischen sieben und elf Mark pro Quadratmeter. Was mit dem großen Rest des Geländes geschieht, ist nicht geklärt. Der Bürgermeister hofft, dass das Gewobag-Projekt weitere Investitionen nach sich zieht. Rangsdorf etwas vom vergangenen Glanz zurückzugeben: Das ist das Ziel von Vater und Sohn Glendenberg. Der Senior stammt aus Rangsdorf, lebt seit 1959 in Lünen bei Dortmund und zieht noch in diesem Jahr zurück. Im August will er das neue Seebad-Casino auf dem Gelände des alten, baufällig gewordenen Casinos direkt am See eröffnen. Bis in die Nacht werken die Bauarbeiter zur Zeit an dem 47-Zimmer-Hotel mit Restaurants, Biergarten, Sportanlagen, Sauna- und Wellnessbereich sowie Veranstaltungssälen. Auch in der Ortsmitte engagieren sich die Glendenbergs: Fast fertig gebaut sind die Wohnhäuser mit Ladenlokalen an der Seebadallee mit 26 Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen. Die Anlage mit Hofcharakter flankiert der so genannte Gemeindepavillon. In ihn sollen die Bücherei des Ortes und der Tourismusverband einziehen. Wie für Touristen inszeniert dann auch der Abschied von Rangsdorf: In der Dämmerung überfliegen kreischende Wildgansformationen den Ort. Auf der Rückfahrt der erste Stau an diesem Tag. Aber nach der Kreuzung in Dahlewitz schwappt die grüne Welle. 35 Minuten bis Wilmersdorf. |
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