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Mode, Medien, Macht
Am Hausvogteiplatz kreierten Schneider einst die Haute Couture der Gründerjahre. Heute schneiden Cutter hier Fernsehnachrichten. Christian Hunziker berichtet.
Geschäftshäuser mit prunkvoll dekorierten Fassaden, blank polierte Firmenschilder. "Leopold Levy Damen-Mäntel" ist darauf zu lesen oder "Pelzwaren-Fabrik Rosenthal & Jacobsohn". Karl Lax bietet "Confection engros" an, und Max Seldis macht Werbung für seine "Backfisch-Mäntel": Der Hausvogteiplatz vor hundert Jahren. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 hatte sich das Quartier zum Zentrum der Modeszene entwickelt. Damals sprach man vom "Konfektionsviertel".
Mehr als tausend Bekleidungsunternehmen drängten sich um den Hausvogteiplatz, viele davon in jüdischem Besitz. Die Nationalsozialisten enteigneten die jüdischen Geschäftsleute und trieben sie ins Exil oder ins Vernichtungslager. Wer heute aufmerksam die Treppenstufen vom U-Bahnhof Hausvogteiplatz emporsteigt, kann dort die Namen der vielen jüdischen Textilfabrikanten lesen, die einst das Viertel prägten. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war die ursprüngliche Struktur des Hausvogteiplatzes nur noch zu erahnen. Nur wenige erhalten gebliebene Häuser vermitteln einen Eindruck von den alten Zeiten.
Medienzare und Minister
Zum Beispiel das um 1895 errichtete Haus am Bullenwinkel, Hausvogteiplatz 3 - 4. Mit seinen hohen Fenstern, hinter denen sich einst Modeateliers befanden, ist es eines der typischen Geschäftshäuser von damals. Heute jedoch prägen nicht mehr Schneider von Pelerinen und Plisseeröcken die Szenerie, sondern smarte Fernsehmoderatoren. Dicht am Hausvogteiplatz, im Block zwischen Tauben-, Oberwall- und Jägerstraße, eröffnete im Jahr 2000 Leo Kirchs ProSieben-Sat1-Konzern seine Zentrale. 275 Millionen Mark investierte das Medienunternehmen im Laufe von acht Baujahren, um mehrere Gebäude mit einer Gesamtgeschossfläche von 33 000 Quadratmetern zusammenzufassen.
Besonders praktisch ist dieser Standort für die Nachrichtenredakteure: Zum Interview mit Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin haben sie es nicht weit. Ihr Ressort residiert um die Ecke, im Karree zwischen Jerusalemer Straße, Mohrenstraße und Kronenstraße. Gut zwei Jahrhunderte Berliner Baugeschichte hinterließen hier ihre Spuren. Besonders wertvoll sind die beiden 1787 von Carl Gotthard Langhans geschaffenen Mohrenkolonnaden. Genau an ihrer Stelle verlief die im 17. Jahrhundert errichtete Stadtmauer. Sie trennte das damals noch unbebaute Gebiet der späteren Friedrichstadt vom östlich gelegenen Friedrichswerder, der ersten Erweiterung der mittelalterlichen Stadtteile Berlin und Cölln. Zum Befestigungswall, an den heute noch die Namen Oberwall- und Unterwallstraße erinnern, gehörte ein von Brücken überspannter Wassergraben, der zugeschüttet wurde, bevor die barocken Mohrenkolonnaden entstanden.
Zum neuen Justizministerium, dessen Eingang die südliche der beiden Kolonnaden bildet, gehören außerdem noch ein Plattenbau sowie mehrere Geschäftshäuser aus der Gründerzeit. Den Erweiterungs- und Umbauarbeiten des Bundes fiel allerdings ein wichtiges Zeugnis der deutschen Geschichte zum Opfer: der Saal nämlich, in dem Günter Schabowski am 9. November 1989 den Fall der Mauer bekannt gab. Der Raum gehörte zum Presseamt der DDR, das im ehemaligen Textilhaus Graumann & Stern aus dem Jahr 1901 residierte, von dem heute nur noch die denkmalgeschützte Fassade steht.
Historische Leere
Auf historischem Terrain bewegen sich auch die Mitarbeiter von Außenminister Joschka Fischer. Das Auswärtige Amt sitzt im ehemaligen Reichsbankgebäude, einem von 1934 bis 1939 errichteten, monumentalen Komplex, in dem zu DDR-Zeiten das Zentralkomitee der SED logierte. Einen Kontrapunkt zur düsteren, wuchtigen Architektur des Altbaus aus der Nazizeit setzt der Ende 1999 fertig gestellte, mit viel Glas und Innenhöfen
offen wirkende Erweiterungsbau der Berliner Architekten Thomas Müller und Ivan Reimann. Die architektonische Offenheit ist kein falsches Versprechen: Im Eingangsbereich des Ministeriums lädt ein Coffee Shop die Passanten und Flaneure zu einer Pause mit Latte macchiato und Croissant ein.
Schon als die Nationalsozialisten das Reichsbankgebäude errichten ließen, musste ein Großteil der historischen Bebauung rund um den Werderschen Markt weichen. Später entleerte die DDR-Stadtplanung das Gebiet zwischen Hausvogteiplatz und Unter den Linden nachhaltig. Einzig die Friedrichswerdersche Kirche von Schinkel zeugt noch von der Kraft der historischen Architektur Berlins. Doch die einsamen Tage des ziegelroten Gotteshauses sind gezählt: Während auf der einen Seite die Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie ansteht, beginnt auf der anderen Seite, westlich der Friedrichswerderschen Kirche, der Projektentwickler Hanseatica mit der Bebauung eines 2400 Quadratmeter großen Grundstücks. Dort, wo heute noch Autos parken, plant Hanseatica eine nach der historischen Falkoniergasse benannte Bebauung mit neun Einzelhäusern und einem Wohnanteil von mindestens 60 Prozent ein Beitrag zur Wiederherstellung der verlorenen Stadtstruktur in Berlins Mitte und damit ganz dem Leitgedanken des Planwerks Innenstadt verpflichtet.
Einen Beitrag zur Rekonstruktion historischer Substanz leistet auch die Deutsche Telekom. Sie erkor das 1878 gebaute ehemalige Telegrafenamt in der Jägerstraße 42 - 44 zu ihrer Hauptstadtrepräsentanz. Ob sich die Vorkämpfer des Shareholder Value auf dem Neuen Markt bewusst sind, dass Aufständische genau an dieser Stelle die erste Barrikade der Märzrevolution von 1848 errichteten? Während die Bauarbeiter am Neubauteil noch fleißig die Maurerkelle schwingen, erstrahlt der im Stil der venezianischen Hochrenaissance gehaltene Altbau bereits seit über einem Jahr in neuem Glanz. Auch mehrere Botschaften haben sich rund um den Hausvogteiplatz angesiedelt. Während Marokko ein um 1770 errichtetes und 1857 umgebautes Gebäude an der Einmündung der Niederwallstraße in den Hausvogteiplatz sanieren ließ, entschied sich Belgien für ein Palais an der Jägerstraße. Dort führte seit 1875 das Privatbankhaus Mendelssohn & Co. seine Geschäfte. Zuvor hatte das 1804 von zwei Söhnen des Philosophen Moses Mendelssohn gegründete Institut seinen Sitz im benachbarten Gebäude mit der Hausnummer 51.
Dort steht heute ein schmuckes Haus, schätzungsweise 19. Jahrhundert. Irrtum. Es handelt sich um einen Neubau; lediglich einige denkmalgeschützte Teile wie das Treppenhaus sind bauhistorische Originale. Verantwortlich für das edle Gebäude zeichnet der Berliner Projektentwickler Bauwert. Gut 5000 Quadratmeter Bürofläche sind hier entstanden, gedacht für "eine Klientel, die auf Repräsentation bedacht ist", wie Bauwert-Sprecher Henning Hausmann sagt. Entsprechend ist das Niveau der Mieten. Sie bewegen sich laut Hausmann auf einem "sehr, sehr hochpreisigen Niveau" präzisere Angaben fallen unter das Diskretionsgebot. Nicht weniger exklusiv sind die beiden 380 Quadratmeter großen Wohnungen. Ihre Mieten pro Quadratmeter liegen deutlich über 30 Mark, was inklusive Nebenkosten ungefähr 15 000 Mark macht pro Monat. Die Bauwert-Projektentwickler beginnen demnächst mit den Arbeiten an einem neuen Objekt direkt am Hausvogteiplatz. Zusammen mit der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft mbH (TLG) will das Unternehmen die letzte Brachfläche auf der südlichen Seite des Platzes bebauen. Details dazu geben die Beteiligten noch nicht preis nur so viel: Entstehen soll ein Gebäude im klassizistischen Stil, mit einem Wohnanteil von wenigstens 50 Prozent. "Wir gehen davon aus, dass der Hausvogteiplatz eine sehr edle Adresse werden wird", sagt Bauwert-Sprecher Hausmann. Denn der Platz sei "ein ruhiger Standort, aber nur 200 Meter vom pulsierenden Leben des Gendarmenmarktes entfernt". Deshalb rechnet Hausmann damit, in naher Zukunft Mieten zu
erzielen, die noch über den üblichen, schon jetzt atemberaubenden Preisen am benachbarten Gendarmenmarkt liegen.
Explodierende Bodenpreise
Auf den ersten Blick ist dieser Optimismus etwas überraschend. Laut Maklerangaben sind für Büros am Hausvogteiplatz heute um die 40 Mark pro Quadratmeter realistisch, bislang noch deutlich weniger als am Gendarmenmarkt. Der Bodenrichtwert liegt bei 7200 Mark pro Quadratmeter am Gendarmenmarkt kosten Grundstücke mehr als dreimal so viel. Doch es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die Bodenpreise am Hausvogteiplatz explodieren: Der Bauhistoriker Günter Peters berichtet von einem Grundstück, das 1865, vor dem Boom der Gründerjahre, 400 000 Mark kostete und nur mal dreißig Jahre später für satte 1,525 Millionen Mark den Besitzer wechselte.
Ohnehin wird der Hausvogteiplatz demnächst enger mit dem Gendarmenmarkt verbunden sein. Zwischen Justizministerium und dem Hilton-Hotel errichtet nämlich die DG Immobilien das von den drei Architekten Jo Coenen, Heinz Tesar und Claude Vasconi entworfene Quartier 30, ein 250-Millionen- Mark-Projekt aus fünf einzelnen Büro- und Wohngebäuden. Auch dieses Objekt seine Fertigstellung kündigt der Investor für Mitte 2001 an ist für sparsam kalkulierende Zeitgenossen kaum geeignet: Wer im Quartier 30 Wohneigentum erwerben will, muss mit Preisen zwischen 9000 und 13 500 Mark pro Quadratmeter rechnen, während Bürosuchende sich schon mal auf ein "standortgerechtes Mietpreisniveau" einstellen dürfen. Die diplomatische Formulierung der DG Immobilien bedeutet im Klartext: Pro Quadratmeter werden etwa 50 Mark fällig.
Zur Wertsteigerung des Hausvogteiplatzes trägt schließlich auch Berlin bei. Die Stadt lässt die Platzanlage gegenwärtig nach historischem Vorbild wiederherstellen. Da will sich auch die bundeseigene Treuhand Liegenschaften Gesellschaft TLG nicht lange bitten lassen und ebenfalls einen "Beitrag zur Vollendung der Rekonstruktion dieses bedeutenden historischen Platzes" leisten, wie
Peter Hohlbein, Leiter der Niederlassung Berlin, sagt. Sein Unternehmen wird bis Ende 2002 das Haus Nummer 12, wegen einer Skulptur über dem Eingang früher "Haus Berolina" genannt, für rund 50 Millionen Mark sanieren und als "Kontor 12 am Hausvogteiplatz" vermarkten. Auf einer Nutzfläche von 8000 Quadratmetern sind rund 28 Mieteinheiten geplant. Dabei will die TLG auch die markante, in Form einer Sonne gestaltete Uhr am Giebeldreieck erhalten.
In der Tat geschichtsbewusst doch an die ursprüngliche Nutzung des Platzes wird man hoffentlich nicht anknüpfen. Sein Name geht nämlich auf die "Hausvogtei" zurück, das königliche Hofgericht samt Gefängnis.
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