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Jurassic Park Preußen
Aus der Retorte, auf Grundlage alter Fotos, muss Bertelsmann
das Kommandantenhaus Unter den Linden rekonstruieren. Damit schafft der Bauherr einen Präzedenzfall in der Kontroverse um die für Berlin angemessene Architektur.
Von Cornelia Dörries
Wir erinnern uns: In Steven Spielbergs Saurier-Film wollte ein durchgeknallter Professor die schon längst ausgestorbenen Echsen für einen paläontologischen Themenpark zum Leben erwecken. Der Plan endete auf der Leinwand zwar desaströs, aber die fossilen Viecher setzten sich im wirklichen Leben trotzdem durch: als nette Kuscheltiere im modernen Kunstfaser-Pelz.
Ein wenig erinnert auch das, was gerade in der historischen Mitte Berlins passiert, an den Filmplot. Ort der Handlung hier: der Prachtboulevard Unter den Linden, dem Krieg und Abrissfuror der nachfolgenden Jahrzehnte etliche Lücken zugefügt haben. Direkt neben dem prominentesten Vakuum der Hauptstadt dem zerklüfteten Geviert des Schlossplatzes erfüllt sich mit der historischen Rekonstruktion der Kommandantur ein alter Traum preußenseliger Nostalgiker. Über die Auswirkungen der Wiedererweckung dieses wilhelminischen Fossils besteht weithin Einigkeit: In dem zehn Jahre währenden Streit über den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses geht die originalgetreue Fassadenreplik an der Adresse Unter den Linden 1 als Teilsieg an die Schloss-Befürworter. Doch mit der kräftezehrenden Debatte um den Schlossplatz will der Bauherr Bertelsmann nichts zu tun haben. Der Global Player aus Gütersloh suchte nach einer angemessenen Residenz für den Hauptstadtsitz des Konzerns und seiner Stiftung und setzte sich 1999 in einem öffentlichen Bieterverfahren gegen 37 Mitbewerber um die noble Parzelle Unter den Linden 1 durch.
Das Alte als Wille und Vorstellung
Mit dem Erwerb des 967 Quadratmeter großen Filetgrundstücks neben dem Schlossplatz für 12,7 Millionen Mark musste der Mediengigant allerdings auch eine Kröte schlucken. Ein Senatsbeschluss diktierte nämlich die historische Rekonstruktion der alten Kommandantenhaus-Fassade verbindlich in den Kaufvertrag. Das Unternehmen lobte daraufhin einen Architektur-Wettbewerb aus, dessen Herausforderung darin bestand, eine moderne Repräsentanz hinter
alten Mauern zu errichten. Da Originalbaupläne der Kommandantur nicht mehr existieren, mussten Fotoaufnahmen des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hauses als Grundlage für den Wiederaufbau reichen.
Der einstige Sitz des Stadtkommandanten erfuhr seit seinem Erstbezug im Jahre 1799 etliche Umbaumaßnahmen. Das ursprünglich eher ländliche Barockpalais verwandelte sich nach und nach in ein klotzig-klassizistisches Repräsentationsgebäude, dem selbst Preußen-Lobbyist Wolf Jobst Siedler bescheinigte, "nicht wirklich nobelÒ gewesen zu sein. Doch so wird es jetzt wieder aufgebaut. Weil es dem Bertelsmann-Vorstand wohl aber hauptsächlich um die schicke Adresse ging, sagte er Ja und Amen zu den konservativen Bauvorgaben und entschied sich für den Wettbewerbsbeitrag des Architekten Thomas Van den Valentyn aus Köln. Sein Entwurf ist die mit Abstand modernste Lösung des Dilemmas, eine antiquierte Fassade mit den Ansprüchen eines modernen, internationalen Medienunternehmens zu versöhnen. Das Innere des dreigeschossigen Hauses hat mit der steinernen Unerbittlichkeit seines Äußeren nichts gemein. Hinter der Fassade mit Säulenportikus zur Straße Unter den Linden erstreckt sich im weitläufig gestalteten Erdgeschoss eine 227 Quadratmeter große Halle. Neben Büro- und Arbeitsräumen in den Obergeschossen gibt es ein großes Auditorium, Konferenzräume, Bibliothek sowie ein Bistro im Untergeschoss und eine Bar im zweiten Stock. Die teuer eingerichteten, mehr privat gehaltenen Räumlichkeiten im ersten Obergeschoss, der "Beletage", sind den Repräsentanten und Vorständen von Bertelsmann AG und Bertelsmann Stiftung vorbehalten. Doch der eigentliche Clou des Entwurfs von Van den Valentyn ist die Rückseite des Gebäudes. Der Architekt hat den Zweiflügelbau durch einen eingefügten dreigeschossigen Verbindungsbau ganz aus Glas in einen Kubus verwandelt. Der Architekt Jürgen Sawade als Vorsitzender der Wettbewerbsjury bezeichnete dieses Implantat mal als "dreigeschossigen Wintergarten", mal als "Gewächshaus". Wie auch immer, mit der luftigen Konstruktion erfüllt der Architekt die Wünsche seines Auftraggebers nach Modernität, ohne dabei einen architektonischen Wechselbalg wie das Hotel Adlon am unteren Ende des Lindenboulevards zu produzieren.
Die explizit moderne Rückansicht seiner zukünftigen Berliner Adresse präsentiert Bertelsmann auch der Öffentlichkeit. Transparenz, Offenheit und Innovation, Merkmale also, die das Medienunternehmen gern für sich reklamiert, lassen sich mit dem glatten, gläsernen Relais zwischen den historischen Seitenflügeln schlichtweg besser vermitteln als mit der erhabenen historischen Vorderfront. Die Bertelsmann AG kann sich mit dem Architekt Van den Valentyn auf jeden Fall glücklich schätzen. Mit ihrem Kommandantenhaus-Neubau sind Baumeister und Bauherr die Ersten, die sich in die gigantische Lücke zwischen dem Kadaver des Palastes der Republik und dem begrünten Rechteck auf der Fläche des vor Jahren abgerissenen DDR-Außenministeriums gewagt haben.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt präsentierte die Skanska-Holding, ein schwedischer Projektentwickler, auf dem Grundstück direkt hinter dem Bertelsmann-Areal die östliche Ecke der Schinkelschen Bauakademie als maßstabsgetreues Modell. Auch hier ist, obwohl über Zeitrahmen und Finanzierung noch Unklarheit herrscht, ein Wiederaufbau geplant. Der Senat wünscht sich auf dem Friedrichswerder jedenfalls einen Wiederaufbau des letzten Schinkel-Gebäudes für eine Nutzung als Architekturmuseum.
Mit dem ersten Spatenstich Unter den Linden 1 ist die ganze Diskussion über den physischen Wiederaufbau des alten preußischen Machtzentrums plötzlich in die Testphase getreten. Das alte Kommandantenhaus wird zeigen, ob sich reanimierte Architekturfossilien städtebaulich integrieren lassen oder nur in einem Themenpark überleben.
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