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Riss durch die Stadt
Der Mauerstreifen ist bis heute eine Brache. Nur ein Investor baut schon. Die Eigentumsverhältnisse sind ungeklärt.
Von Bernd Hettlage
Mehr als elf Jahre nach der Wende kann man dem Verlauf der Mauer zwischen Oberbaumbrücke und Brandenburger Tor mit bloßem Auge folgen. Kein Stadtplan ist dazu erforderlich und kein Touristenführer der Mauerstreifen ist in weiten Teilen eine Brache. Kinder benutzen ihn als Abenteuerspielplatz, Hundebesitzer lassen ihre Vierbeiner herumtollen, und an der Sebastianstraße zwischen Kreuzberg und Mitte weiden Teenager sogar Ponys von einem benachbarten Hof. Eine Idylle mitten in der Stadt.
Von einer "nicht verheilten Wunde" spricht dagegen der Stadtplaner und Architekt Wulf Eichstädt. Beim Berliner Senat gebe es bis heute kein Mauerstreifen-Konzept. Er plädiert für einen gemeinsamen Gestaltungsvertrag zwischen dem Bund und dem Land Berlin, statt die Schließung der Lücken allein Investoren zu überlassen. "Wenn eine Stadt zerrissen ist, muss man am Riss arbeiten", fordert Eichstädt. Man müsse fragen: "Was ist das Herz der Stadt?", und von da ausgehen.
Sandberge an der East Side Gallery
Besucht man die Ausstellung "Berlin-Stadtmodelle", die noch bis Oktober im Spreespeicher am alten Osthafen läuft, sieht das wieder ganz anders aus. In zwei dreidimensionalen, hölzernen Stadtmodellen sind die Lücken entlang des Mauerstreifens fast alle geschlossen. Die Wunde scheint verheilt. Die meisten der dort modellierten Gebäude sind allerdings farblich abgesetzt von ihrer Umgebung, was bedeutet, dass sie sich noch in der Planung befinden. Etliche seien "reine Luftnummern", höhnt denn auch Eichstädt.
An der Friedrichshainer Spree zwischen Oberbaum- und Schillingbrücke scheinen die Pläne jedoch recht konkret. Für dieses Gebiet gab es schon 1992 einen städtebaulichen Wettbewerb, den die Berliner Architekten Hemprich Tophof gewannen. Auf 1300 Metern erstreckt sich hier entlang der Mühlenstraße eines der letzten zusammenhängenden Mauerstücke: die denkmalgeschützte East Side Gallery. Zwischen der bemalten Mauer und dem Ufer wechseln Brachen mit Sandbergen, auf denen Kinder spielen.
Von der Schillingbrücke gelangt man über ein leeres Grundstück direkt ans Spreeufer. Spaziergänger mit Hunden und Angler nutzen diesen wohl nicht ganz legalen Weg. Man passiert eine große Baugrube, aus der das Zentrum Zukunftsenergien wächst, verbunden mit dem denkmalgeschützten Vorderbau an der Mühlenstraße. 110 Millionen Mark investiert die HPE Hanseatica hier, im Sommer 2002 will man eröffnen. Ein Stück weiter soll einmal der "Spreepark" entstehen, ein öffentlicher Uferpark für die mit Grünanlagen nicht gerade verwöhnten Friedrichshainer. Dazwischen ist das Spreefoyer geplant, ein z-förmiges Gebäude, entworfen von Helmut Jahn, für das seit Jahren eine Baugenehmigung vorliegt, ohne dass auf dem Gelände etwas geschieht.
Am Rummelsburger Platz will der Alteigentümer Kolpingwerk mit anderen Investoren ein Dienstleistungzentrum mit einem 50 Meter hohen Turm errichten. Den Streifen bis zur Oberbaumbrücke sollten Stadtvillen füllen. Doch laut dem Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Frank Schulz, steht bis auf das Zentrum Zukunftsenergien "die Fertigstellung alles anderen in den Sternen".
Die Probleme am Friedrichshainer Spreeufer scheinen symptomatisch für den gesamten Mauerstreifen. Zum einen müssen sich Bund, Land und Bezirke über die Bebauungspläne einigen bei oft sehr unterschiedlichen Wünschen und Vorstellungen.
Stadtvillen am Mauerdenkmal?
Wegen des Spree-Areals gab es zunächst sogar Streit innerhalb des neuen Bezirks: Die Kreuzberger fühlten sich von den Friedrichshainern vor vollendete Tatsachen gestellt. Auf Initiative von Schulz hat der Bezirk inzwischen die Stadtvillen der Architekten Hemprich Tophoff zugunsten einer Grünfläche aufgegeben. Sonst wäre, so Schulz, die Stadtkante unklar gewesen. Die wandert jetzt auf die nördliche Seite der Mühlenstraße, hinter der Mauer bleibt nur ein Uferstreifen.
Die verbindliche Bauleitplanung liegt zwar beim Bezirk, sie muss jedoch in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geschehen. Die wollte bislang die Villen, doch nun gebe es, sagt Hans-Georg Withuis, zuständig für die städtebaulichen Projekte in der Innenstadt, "neueste Überlegungen" wegen der gegenüber geplanten Eissporthalle. Ein weiterer Streitpunkt sind die Eigentumsverhältnisse der Grundstücke. Die sind am Mauerstreifen "deutlich ungeklärter als in allen anderen Gebieten der ehemaligen DDR ", so Withuis. Inzwischen ist zwar das Mauergrundstücks-Gesetz die geltende Rechtslage: Alteigentümer können für 25 Prozent des Verkehrswertes ihren Grund vom Bund zurückkaufen oder eine Entschädigung von 75 Prozent beantragen. Am Spreeufer existiert jedoch eine unübersichtliche Melange aus Alteigentümern, Restitutionsanträgen und bundes- wie landeseigenen Grundstücken.
Insgesamt 23 Flurstücke entlang der East Side Gallery zählt Helmut John, der Pressesprecher der Oberfinanzdirektion (OFD). Der Bund habe für seine Grundstücke noch nicht einmal eine Grundbucheintragung vornehmen können, sagt John, weil die Vermögenszuordnung fehle. Deshalb könnte er die für den Spreepark vorgesehenen Grundstücke auch nicht an Land oder Bezirk verkaufen. Ausgerechnet die stünden hier buchstäblich im Weg: Bund und Alteigentümer bräuchten nämlich Wegerechte über die Flurstücke des Landes, da sie wegen des Denkmals Mauer sonst nicht auf ihre Grundstücke könnten. Das zuständige Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg verweigere diese Wegerechtseintragungen. Und ohne die gibt es wiederum keine Vermögenszuordnung, der das Land seine Zustimmung erteilen muss.
Wäre das endlich geschehen, könnte der Bezirk die Flächen für den Spree-Park aber noch immer nicht kaufen er hat nämlich kein Geld. Angedachte Lösung: Wenn der Bezirk neues Planungsrecht schafft, damit Investoren auf ehemaligen Industrieflächen Gewerbe, Büros und Wohnungen errichten dürfen, sollen sie sich als Kompensation dafür am Erwerb der Spreepark-Flächen beteiligen.
Weg vom Kuddelmuddel an der Spree: Die Wasserfläche des Engelbeckens zu Füßen der Michaelkirche in Mitte glänzt in der Sonne eine ruhige Ecke mit wenig Verkehr.
Ponys an der Heinrich-Heine-Straße
Direkt daneben verlief früher die Mauer, heute stehen hier die Annenhöfe. Auf Eichstädts "Luftnummern" trifft man eher ein Stück weiter. An der Heinrich-Heine-Straße, Ecke Sebastianstraße soll es nach dem Planwerk Innenstadt eine Blockrandschließung geben. Im Moment findet man hier einen Gebrauchtwagenhändler, Dutzende Baucontainer und einen Ponyhof. Mädchen im Teenageralter waschen und striegeln die Tiere. Der Besitzer hat zwar die Kündigung und muss in zwei Monaten den Platz räumen, trotzdem wird die Bebauung hier eine "längerfristige Angelegenheit", sagt Withuis. Das Gelände ist laut Stadtplanungsamt Mitte vorwiegend restitutionsbelastet. Zudem fänden sich, so Withuis, an der Heinrich-Heine-Straße keine Investoren. Kein Wunder, kommentiert Eichstädt, bei Bodenrichtwerten um 1000 Mark pro Quadratmeter und das für Grundstücke, die nicht einmal erschlossen seien. Denn wie zu Mauerzeiten bestehe eine getrennte Versorgung für Ost und West, aber keine für den Streifen in der Mitte.
Hinter dem Spittelmarkt sieht es da schon besser aus. Gegenüber der Bundesdruckerei, entlang der Kommandantenstraße gibt es laut Withuis mehr Investoreninteresse. Hier gehe es um eine Wiederherstellung des historischen Grundrissplans, der durch die Mauer verändert wurde. Heute markiert ein Dreieck aus Plakatwänden den Rand der Brache. Ein Mädchen und ein Junge von vielleicht zehn Jahren schlüpfen ins Innere des Triangels. Ob sie sich darin eine Hütte eingerichtet haben oder erste Küsse tauschen?
Der größte Teil des Geländes gehört der CBB Holding AG früher die Concordia Bau und Boden AG. Die hat konkrete Pläne für eine Bebauung, geriet allerdings in den letzten Jahren in Schwierigkeiten. Zudem gibt es mit der OFD Streit um eine Fläche zwischen Beuth- und Kommandantenstraße, die der Bund 1995 der Concordia verkaufte. Die hat bis heute nicht bezahlt, nun will die OFD auf Schadensersatz klagen (siehe Seite 20). Von hier sieht man auch schon das Springer-Hochhaus. Danach, entlang der Zimmerstraße, ist der Mauerstreifen bebaut.
Ballon in den "Ministergärten"
Gäbe es nicht ein schmales Band aus Pflastersteinen im Boden, das den Verlauf der Mauer markiert, könnte man ihn nun zum ersten Mal aus den Augen verlieren. Kreuzt man die Friedrichstraße, kann man die Spur ein Stück weiter mit der Brache an der Ecke Wilhelmstraße wieder aufnehmen. Gegenüber liegt das Bundesfinanzministerium und schräg über die Straße die Topographie des Terrors. Das "Postblock" genannte Areal ist als einziges im Planwerk Innenstadt unbebaut. Grund: Es gehört dem Bund, und der behält es als Reservefläche für weitere Ministerien. Auch hier gibt es laut John Dissens. Den Bebauungsplan hat nämlich die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gemacht. Mit der streite der Bund laut John jetzt "heftig", weil deren Entwurf eine Wohnbebauung an der Zimmerstraße vorsehe.
Der Streifzug ist nun fast beendet, das Brandenburger Tor kommt in Sicht. Davor fällt allerdings noch der SAT1-Ballon ins Auge. Dem Betreiber des Luftschiffes ist zwar zum 1. November gekündigt worden, doch auch für dieses Gelände gibt es keine konkreten Pläne. Der Bund habe kein Interesse mehr daran, sagt John. In dieser Gegend, den "Ministergärten", gehe alles zurück an die Alteigentümer bei Bodenpreisen zwischen 4500 und 10 000 Mark pro Quadratmeter.
Hinter dem Brandenburger Tor ragen der Reichstag und das neue Kanzleramt auf. Ist hier das "Herz", von dem Eichstädt spricht? Der Architekt Axel Schultes wollte mit dem "Band des Bundes" jedenfalls eine Klammer zwischen Ost und West schaffen. Der Mauerstreifen dagegen wird wohl noch viele Jahre als Riss in der Stadt wahrnehmbar sein.
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meinberlin.de |
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