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Wenn die Finanzlücke zum Glücksfall wird
Weil dem Senat das Geld fehlte, bekamen die Bewohner des Sanierungsgebiets Winsstraße statt einer Feuer- und Polizeiwache einen Stadtplatz.
Von Jörn Pestlin
Mittags um eins: Ein rotes und ein grünes Auto, lässig eingeparkt, stehen einträchtig nebeneinander. Die Fahrer haben es sich in der Sonne gemütlich gemacht und buddeln im warmen Sand. Die Farbe der beiden Autos ist dem ursprünglichen Bestimmungszweck des neuen Stadtplatzes an der Marienburger Straße angemessen Marke und Größe stehen aber in einem krassen Missverhältnis zu diesem. Buddeleimer statt Uniformen Auf dem 6000 Quadratmeter großen Grundstück, mitten im Sanierungsgebiet Winsstraße im Prenzlauer Berg, sollte eigentlich der dringend benötigte Neubau für eine Feuer- und Polizeiwache entstehen. Wo heute Kinder mit ihren Tretautos rumflitzen, sollten Löschzüge und die Dienstwagen des Polizeiabschnitts 77 stehen. Die Ordnungshüter haben ihren Sitz aber noch immer in der Immanuelkirchstraße nur ein paar Straßen weiter. Den morbiden Charme der ehemaligen Volkspolizei-Dienstelle kann auch die frische Fassadenfarbe nur leidlich verdecken. An den Wänden der Dienstzimmer sieht man förmlich noch die Bilder von Honecker & Co. Das Haus wie auch seine technische Ausstattung sind hoffnungslos veraltet: Anzeigen nehmen die Beamten mit der Schreibmaschine auf. An diesen Arbeitsbedingungen wird sich so schnell auch nichts ändern, obwohl schon 1995 Bagger das alte Rettungsamt von 1936 in der Marienburger Straße abgerissen und Baufreiheit für das neue Feuerwehr- und Polizeigebäude geschaffen hatten. Wegen der chronisch leeren Landeskasse musste Anfang 1997 der damalige Innensenator Jörg Schönbohm den für 1998 geplanten Baustart auf unbestimmte Zeit verschieben. So verhinderte die Haushaltslücke zwar den Lückenschluss in der Marienburger Straße, eröffnete aber gleichzeitig auch die Möglichkeit, eine andere Lücke auszufüllen. Im mit Grün- und Freiflächen nicht gerade gesegneten Stadtteil Prenzlauer Berg zählt das Gebiet um die Winsstraße in puncto Rasen- und Buddelkastenversorgung zu den Schlusslichtern. Supermarkt oder Stadtplatz Sogar der für die Gründerzeitquartiere typische Stadtplatz fehlte in diesem Kiez. Zwar hatte James Hobrecht in seinem Stadterweiterungsplan von 1862 auch in das Areal zwischen Greifswalder Straße, Prenzlauer Allee, Danziger Straße und Heinrich-Roller-Straße eine solche Freifläche eingezeichnet, doch im Gegensatz zum Kollwitz- oder Helmholtzplatz fiel dieser den Bauspekulanten des "steinernen Berlins" zum Opfer. Deshalb zählte bereits 1993 die Sanierungsbeauftragte für Prenzlauer Berg, die S.T.E.R.N. GmbH, die Schaffung eines öffentlichen Platzes zu den Sanierungszielen für das Gebiet um die Winsstraße. Auf dem dafür eigentlich vorgesehenen Grundstück steht allerdings bis heute der einzige richtige Supermarkt des Quartiers. Angesichts dieses Mangels brachte die Betroffenenvertretung Winsstraße die Idee zur grünen Zwischennutzung der Baulücke in der Marienburger Straße schon kurz nach dem Abriss des alten Rettungsamtes aufs Tapet. Aber erst der offizielle Ausstieg des Senats aus seinen Neubauplänen rückte die Gedankenspiele der engagierten Bürger in den Bereich des Realisierbaren. Und dann ging es für Berliner Verhältnisse sehr schnell. Im Juni 1997 machten Anwohner, sechs Landschaftsplaner, Vertreter des Bezirksamtes und der Sanierungsbeauftragten Nägel mit Köpfen. Nach nur eintägiger Diskussion verabschiedeten sie ein verbindliches Gestaltungs- und Nutzungskonzept: "Ein Platz für die Marie" war gefunden und beschlossene Sache. Quasi besiegelt wurde der Plan durch einen Vertrag zwischen Senat und Bezirk. Das Papier erlaubte die kostenlose Nutzung des Grundstücks bis 2007, mit einer Option auf Verlängerung. Und noch mehr Glück im Unglück: Wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse konnte der Bezirk einen an anderer Stelle geplanten und budgetierten Spielplatz nicht bauen. So stand kurzfristig eine Grundfinanzierung in Höhe von 400 000 Mark für die "Marie" bereit. Preisgekröntes Konzept Da aber von vornherein klar war, dass der Betrag nicht reichen würde, appellierten Bezirk und Sanierungsbeauftragte an den Bürgersinn der Kiezbewohner, der Schüler in den umliegenden Schulen und der Gewerbetreibenden im Quartier. Mit Erfolg: Vom ersten öffentlichen Workshop bis zur Einweihungsparty im Mai 1999 vergingen keine zwei Jahre. Die freiwilligen Arbeitseinsätze und Sachspenden so das S.T.E.R.N.-Kalkül sollten aber nicht nur fehlendes Geld ersetzen, sondern auch die Identifikation der Anwohner mit ihrem Platz befördern. Das Konzept scheint aufzugehen. Die Liegewiese der "Marie" ist bislang nicht zum Hundklo mutiert. Und selbst von offizieller Seite erfuhr das Projekt Anerkennung gehörte es doch zu den Preisträgern des bundesweiten Wettbewerbs Soziale Stadt 2000. Dass hier noch einmal Bagger rollen, ist angesichts der krakeelenden Kinder kaum vorstellbar. In ihrer Laudatio zur Preisverleihung ging die Jury jedenfalls davon aus, dass auch nach Ablauf der Zehnjahresfrist auf dem ausgezeichneten Platz nur grüne und rote Miniautos ihre Kreise ziehen.
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